Mörike-Ruhe bei Bebenhausen

von Volker Friebel

Vom Waldrand steigen wir den Fußpfad aufwärts zur Mörike-Ruhe, einem Unterstand mit Tisch und Bänken. Auf einer Tafel lesen wir drei Bruchstücke von Mörikes „Bilder aus Bebenhausen“. Eines davon:

Drei Uhr schlägt es im Kloster. Wie klar durch die schwülige Stille
Gleitet herüber zum Waldrande mit Beben der Schall,
Wo er lieblich zerfließt, in der Biene Gesumm sich mischend,
Das mich Ruhenden hier unter den Tannen umgibt.

Wir schauen von der Anhöhe hinab und sehen zwischen Bäumen den Kirchturm des Klosters. Der „Biene Gesumm“ hören wir nicht, dafür das Rauschen von der Straße, die den großen Wald quert und an Bebenhausen vorbei nach Tübingen läuft. Zu Mörikes Zeiten, 1863 war er zu Besuch hier im Kloster, dürften höchstens gelegentlich Pferdehufe zu hören gewesen sein, von den Kutschen aus Stuttgart, der Hauptstadt des Königreichs. 59 Jahre alt war Mörike bei seinem Aufenthalt – und dichtete die „Bilder“ in Distichen.

Auf die gegenüberliegende Hüttenwand hat jemand mit Kreide eines der bekanntesten Gedichte Mörikes geschrieben, 25 Jahre vor den Bildern aus Bebenhausen erstveröffentlicht, in seinem ersten Gedichtbuch, Septembermorgen:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Durcheinander geworfene Zeiten. Von der Romantik findet der Dichter zur Antike zurück. Wo das eigene ist? Wo ist unseres?

Überall in der weiteren Gegend, den Dörfern und Städtchen um Stuttgart, trifft man auf Mörike, überall hat er mal gelebt oder gewirkt oder war zu Besuch. In der Schule war er nie gut, das theologische Examen bestand er nur mittelmäßig, ließ sich früh pensionieren. Statt zu predigen, sammelte er viel lieber Versteinerungen oder dichtete.

Vielleicht hätte Hölderlin auch so werden können, ein behäbig-beschauliches Leben im Brotberuf, daneben das Eigentliche, die Kunst. Wir denken von Mörikes Brotberuf Pfarrer vielleicht viel geringer als von seiner Dichtung, die wir noch heute lesen. Aber vielen Menschen damals wird er eben als Pfarrer beigestanden haben, als Verbindung zum Himmel, bei Geburt, Taufe, Hochzeit, Aussegnung.

Heute ist der Glaube von damals fast ganz schon verdunstet. An seine Stelle getreten ist – was? Materialismus, Politik, andere religiöse Systeme – und die Kunst, ja, die Kunst! Nietzsche hätte sie gern an Stelle der Religion gesehen, als überströmende Bejahung des Lebens.

Der leere Platz ist vermüllt.

Unsere Gebirge aus erlesenem Besitz sind mit etwas Abstand von Müllbergen schwer zu unterscheiden. Unsere Politik ist je nach Sattheit der Menschen gemilderter oder verschärfter Wahnsinn. Die Fragwürdigkeit alles Glaubens ist immer noch da, auch wenn man den Gott austauscht und die Welt dadurch eine Zeit neu und interessant aussieht. Und die Kunst? Ja, die Kunst! Mit allen Versuchen treiben wir seit Jahrhunderten nur immer tiefer hinein in das Nichts.

Stehen und lauschen, in diesen neu gewordenen September. Ein Vogel pfeift. Das Grün der Bäume ist unser Grün, unsere Hoffnung auf die Natur, den freien Atem der Natur, die noch da sein wird, wenn andere Wesen andere Versuche unternehmen. Irgendetwas von uns wird dann vielleicht auch dabei sein. Als Mauerrest, als toxisches Grundwasser, als erhöhte Radioaktivität, als abgeblätterte Kreideschrift, aus einer Holzhütte hinaus geschwemmt in den singenden Wald.