Fluten-Log

Gelegentlich etwas Neues oder Altes, Text oder Foto, ausgearbeitet oder Notiz. Soweit nicht anders angegeben, sind alle Beiträge von Volker Friebel.

 


Donnerstag, 17. Januar 2019

Veröffentlichung einer früheren Fassung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Dezember 2017. Das Foto stammt aus einer Reise durch Patagonien.

 


Sonntag, 13. Januar 2019

Unsere Wahrnehmungen gelangen von den Sinnesorganen in den Thalamus, das ist eine wichtige Struktur im menschlichen Zwischenhirn. Von dort geht eine Verbindung zum Großhirn, wo sie genau analysiert werden. Eine zweite, schnellere Verbindung geht in die Amygdala, gleichfalls eine Struktur im Zwischenhirn, die für emotionale Verarbeitung durchführt. So reagieren wir auf Wahrnehmungen, bereits bevor sie vollständig analysiert sind, mit einer emotionalen Reaktion.

Die wichtigste Verarbeitung bezieht sich dabei auf die Zuordnung: Ist das, was ich wahrnehme, gefährlich oder nicht? Je nach der Antwort spricht besonders stark entweder der Sympathikus an, der Teil unseres Nervensystems, der für Erregung zuständig ist, oder der Parasympathikus, der für Ruhe und Erholung zuständig ist.

Durch Bäume, Gras, Seen, Wasserfläche wird der Parasympathikus stimuliert, wird der Körper sozusagen auf Ruhe, Erholung, Regeneration gestimmt, durch Straßenverkehr oder auch eine Schlange im Gras wird unser Kampf-Flucht-System angesprochen, der Sympathikus stimuliert, gerichtete Konzentration und Blutdruck steigen, die Herzfrequenz nimmt zu.

Der Zustand der Erregung und der von Ruhe und Erholung sind für uns gleichermaßen wichtig. Wir müssen handeln, wir müssen uns konzentrieren können. Das kostet allerdings Kraft – und die Reserven des Körpers sind nicht unerschöpflich. Dauert ein solcher Zustand von Handeln und Konzentration zu lange an, führt das zu Stress, unsere Leistungen lassen stark nach. Dann sind Ruhe, Erholung, Wiederaufbau der Reserven nötig.

Aus diesem Zusammenspiel von Erregung und Ruhe besteht unser Leben. Überdauernder Stress bedeutet eine Störung des Gleichgewichts, auch Krankheit ist eine solche. Dann sind zum Ausgleich die ruhigen und aufbauenden Kräfte unseres Körpers besonders gefragt, die Arbeit des Parasympathikus.

Aus einem gerade entstehenden Buch über Psyche, Gesundheit und Natur.

 


Freitag, 4. Januar 2019

Erstveröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Januar 2018.

 


Dienstag, 1. Januar 2019

„Was war denn letzte Nacht für ein Radau?“ Anton wischt mit einem Flügel durch die Luft.

„Das waren die Menschen“, behauptet Karl. „Sie nennen es Silvester.“

„Wie letztes Jahr?“

„Wie letztes Jahr!“, bestätigt Karl.

„Aber warum machen die Menschen jedes Jahr von neuem Radau?“, fragt Anton.

„Sie wollen den Himmel erobern“, erklärt Karl. „Und wenn die Tage am kürzesten sind und die Nächte am tiefsten, dann, glauben sie, könnten sie die Götter überrumpeln.“

Anton lacht.

Karl lacht auch.

Dann schweigen sie. Nebeneinander hocken sie auf der Stromleitung und schauen über das Land.

„Warum sind die Menschen nur so dumm?“ Anton geht die Sache nicht aus dem Köpfchen. „Wenn etwas nicht klappt, dann lässt man es doch bleiben!“

„Wir Spatzen schon. Aber die Menschen glauben, sie müssten sich nur mehr Mühe geben, dann klappe es schon irgendwann.“

„Aha“, meint Anton.

„Oder“, Karl streckt sich, „die Menschen meinen, dass es geklappt habe! Vielleicht denken sie ja“, fantasiert er, „die Götter wollen die Erde erobern und die Menschen müssten sie mit ihrer Knallerei abschrecken. Und weil die Götter die Erde letztes Jahr nicht erobert haben, glauben sie, ihre Knallerei hätte Erfolg gehabt. Und deshalb knallen sie im nächsten Jahr wieder.“

„Aha“, wiederholt Anton.

„Oder“, fällt Karl ein, „sie knallen nur einfach zum Spaß.“

„Aha“, wiederholt Anton nochmal.

„So ist das“, meint Karl.

„Und was von den dreien stimmt jetzt?“, will Anton wissen.

„Vielleicht gar keines“, meint Karl.

„Was stimmt aber dann?“

„Vielleicht nichts von den dreien, aber das siebte oder das zweihundertachtzehnte. Aber das fällt mir jetzt leider nicht ein.“ Karl springt in den Himmel und flattert weg, in den Apfelbaum.

 

Aus: Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; eBuch, epub-Format: 51.000 Zeichen, 3,99 €.


Dienstag, 1. Januar 2019

Ephesos. Aus einem Stück Marmor am Rand der Kuretenstraße starrt Nike mich an. Sie blieb, ihr Gesicht kaum zu deuten, um sie herum Glück und Unglück, Niederlage und Sieg in unterschiedlichen Stadien der Auflösung, hier noch eine Säule ohne Dach, da der Torso eines Gottes, unter uns Pflastersteine, glatt geschliffen vom Tritt der Jahrtausende, überall Wände und Pfeiler und Gesichter als Staub in der Luft, aufgelöst unter Regen und Licht, die Tage gaben sie in den Himmel zurück, wo sie nun schweben, wo sie durch den Atem der Besucher gehen.

Aus einem Streifen am Horizont taucht die Sonne auf, erleuchtet die leere Bibliothek.


Montag, 24. Dezember 2018

Wäscherinnen

Ein trüber und kalter Vormittag, ein 24. Dezember. Ich gehe nach langem wieder einmal den Fußweg von meiner Wohnung zur Universitätsbibliothek. Als Student und Doktorand ging ich hier oft, die Füße finden den Weg auch allein, die Gedanken über ihnen schaukeln träge dahin. Ich sinne, wie sich die Öffnungszeiten seit damals günstig entwickelt haben: Durch die Automation der Ausleihe ist die Bibliothek nun fast rund um die Uhr geöffnet.

Am alten Nussbaum bleibe ich stehen. Und lache. Denn ich sehe mich drüben stehen, auf der anderen Straßenseite, an einem anderen Ufer der Zeit.

Damals war mir beim Gang zur Bibliothek aufgefallen, dass sich unter dem Baum Wäscherinnen versammelt hatten, neben ihnen ein Leiterwagen der Kliniken. Die Frauen aßen offenbar etwas, bückten sich ab und zu. Was konnte das für eine Frucht sein? Mir fiel nichts ein, das zu ihren Bewegungen passte.

Ich war weiter gegangen, zu meinen Büchern. Auf dem Rückweg aber untersuchte ich den Rasen unter dem Baum. Walnussschalen! Hoch in den Wipfel schauen! Einen Walnussbaum hatte ich noch nie bewusst wahrgenommen, hatte gedacht, dass ein solcher nördlich der Alpen gar nicht möglich sei. Diese Wäscherinnen haben mein Leben bereichert.

Nun stehe ich wieder hier. Die Alte Wäscherei ist Teil der ausufernden Bibliothek geworden, Wäscherinnen gibt es hier keine mehr. Der Asphalt, Gehweg und Straße, auch der Rasen: Alles ist übersät mit Walnüssen! Die Studenten sind vorbei geströmt, vorbei gefahren. Niemand blieb stehen. Niemand zeigte mehr in die Wirklichkeit jenseits der Bücher.

Gras nass und kalt,
wie die Finger, die die Walnuss
berühren.

Eine Tasche voll Nüsse gehe ich weiter zur Bibliothek – die geschlossen hat.


Sonntag, 23. Dezember 2018

Haiku und Foto vom Freitag, 14. Dezember 2018, Topkapi-Palast, Istanbul.


Donnerstag, 13. Dezember 2018

Eine antike Tragödie, nach der Entscheidung. Der Chor tritt auf, als unterworfenes Volk, und beginnt ein Trauerlied: „Wir sind gemüpfelt!“

Der Bibliothekar lächelt bitter. „Die Gemüpfelten.“ Er hat schon lange aufgegeben darauf zu spüren, wo seine Sympathien liegen.

Was solls auch? Er weiß sich weit über dem gemüpfelten Volk, und er weiß, dass er mit ihnen und einer der ihren ist.

„Kuckuck!“, die Uhr an der Wand schreit die zwölfte Stunde aus.

Dann öffnet sich das Türchen noch einmal, der Kuckuck lugt heraus, starrt ihn an und schnarrt: „Gemüpfelt?“

Der Bibliothekar seufzt. Ja, könnte einer genau beantworten, was das Wort bedeutet, erhöbe sich der letzte Sturm und das Volk gewönne alle Welt.


Sonntag, 9. Dezember 2018

In: „Zurück zur Natur? Erkenntnisse der Naturpsychologie“ von Antje Flade (2018) lese ich über eine Studie aus Schweden zu zwei Kindertagesstätten, eine mit grünem Außenbereich, die andere nicht. Kinder in der „grünen“ Institution waren seltener krank, körperlich geschickter, einfallsreicher und fähiger, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Gefördert wird bei uns dagegen das Kinderhaus, das Lernen „drinnen“.

Eigentlich finde ich die pädagogische Aufwertung der Kindergartenzeit begrüßenswert. Die Art und Weise wie sie meistens umgesetzt wird, schafft es allerdings, aus einer im Grunde guten Entwicklung eine negative zu machen.


Montag, 3. Dezember 2018

Die Lieder der Gräser sind vor ein paar Tagen erschienen, ein neues Gedichtbuch. Die kostenfreie pdf-Version ist, wie auch die pdf-Version des kürzlich erschienenen Haiku-Buchs „Spatzengeplauder“, ladbar unter Quelle.

Als nächstes wird ein berufliches Projekt zum Abschluss kommen, ein Online-Kurs zur Unterstützung von Abnehm-Programmen mit psychologischen Techniken.


Samstag, 1. Dezember 2018

In Berlin wurden 100 Radfahrer zwei Monate lang untersucht. Es ging darum, wie eng sie von Autos überholt werden. Dabei zeigte sich, dass der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 1,5 Meter in mehr als der Hälfte der Überholvorgänge unterschritten wurde. Besonders interessant finde ich einen Satz aus der „Analyse“ des Tagesspiegels:

„Diejenigen, die aus Angst nah entlang der Parkreihen radeln, werden enger überholt.“ (Tagesspiegel, abgerufen 01.12.2018: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser/kapitel7.html)

Ich denke doch, dass nicht nur die Fahrradfahrer, die aus Angst, sondern auch die etwa aus Rücksichtnahme den Autofahrern gegenüber nah an parkenden Autos fuhren, besonders eng überholt wurden. Der Zeitungsschreiber des eigentlich verdienstvollen Projekts unterscheidet nicht zwischen Fakten und seiner Interpretation von Fakten – oder will uns seine Interpretation aufdrücken. Das ist bei Zeitungsartikeln allerdings allgegenwärtig.

Aufhorchen lässt der Satz inhaltlich trotzdem. Als Fahrradfahrer sollte man sich ihm zufolge (und die Grafik zum Text belegt das) also keinesfalls rücksichtsvoll oder ängstlich verhalten, sondern sich möglichst breit machen und sehr selbstbewusst auftreten. So lebt es sich am sichersten.

Schade, schade!


Donnerstag, 22. November 2018

Erstveröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Dezember 2017.


Sonntag, 18. November 2018

Eigentlich wollte ich mich nur zwischen zwei Korrekturen eines anspruchsvollen Projekts erholen und las deshalb in den heiteren Spatzengesprächen, die ab Mitte 2014 nach und nach entstanden sind. Das sind Prosa-Texte, in denen sich die beiden Spatzen Anton und Karl über die Menschen und ihre Welt klar zu werden versuchen.

Aber ich las mich fest, ich begann zu überarbeiten, neue Gespräche zu schreiben – und binnen zweier Tage wurde daraus ein eBuch: Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe.

Noch ein Spatzengeplauder, ein paar Tage nur nach dem gleichnamigen Haiku-Buch! Wahrscheinlich hatte mich die Namensassoziation ausgerechnet zu diesem Manuskript geführt. Es hätte genügend andere zur Entspannung gegeben. Aber da ist es nun!

Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; eBuch, epub-Format: 51.000 Zeichen, 3,99 €.

Mal schauen, ob ich den Schwung nutzen kann, auch noch eine Papier-Version zu erstellen. Eigentlich sollte ich wieder zur Korrektur des anspruchsvollen Projekts zurück. Aber:

„Weißt du, was ich am liebsten pfeife?“, fragt Karl.

„Was denn?“, fragt Anton.

„Unsinn, nichts als Unsinn!“

„Warum denn das?“ Anton beugt sich neugierig auf dem Scheunendach vor.

„Weil Unsinn der Weisheit nahe kommt, aber nicht so anstrengend ist“, piept Karl und reckt die Brust vor. „Außerdem macht er mehr Freude.“


Freitag, 16. November 2018

Clara ist nicht nach Hause gegangen. Auf einer Wiese steht sie, fern von der Stadt. Sie hat ihre Schuhe ausgezogen und geht nun über das Gras.

Das Gehen ist es. Kein Wohin, kein Wozu. Am besten wäre es, wenn es gar kein Zurück geben müsste, wenn alles Planen völlig entfiele.

So wie der Schmetterling fliegt, immer ganz im Zentrum der Welt. Nach allen Seiten sind Wege im Himmel, alle sind gleich, jeder ist eine Verheißung, jede Sekunde ist Vollkommenheit, die Heimat ist immerzu hier, in jeder Wendung, in jeder Bewegung der Flügel.

Was dich festhält! Gerade dich Menschen! Der von der Freiheit nur redet, in der dieser Schmetterling sich jeden Flügelschlag lang wiegt. Eine Freiheit, die Menschen nur als Abstraktion kennen, als politisches Programm, in der sie aber keinen Lidschlag ihres Lebens sind.

Clara summt ein Lied von der Liebe.

Und verstummt.

Die leichten Schritte spüren, im Gras.

Liebe ist Bindung.

Ist Liebe Fessel?

Die Erde bindet mit ihrer Schwerkraft, mit diesem Rosenblatt, das du pflückst, mit der Süße von Trauben. Wie könntest du die Schwerkraft vermeiden? Wie wolltest du die Schwerkraft vermeiden? Du würdest nicht einfach bloß schweben, du verlörest dich zwischen auseinanderstrebenden Staubflocken im All.

Dieser Schritt in das Gras – diese Berührung der Erde …

Anerkennen wir nicht mit jeder Berührung gerade die Unfreiheit, die freudevolle Verbindung zwischen allem, was ist? Ist denn das Taumeln des Schmetterlings nicht linkisch? Und seine Freiheit nicht blindes Verlangen?

Vielleicht gibt es auch eine Beliebigkeit in der Bindung. Und die Ferne und Kühle der Seele, ihr erkennbarer Abstand von den Geschäften der Welt, ist ein Fernhalten von eben diesem Beliebigen.

Was für Bindungen sind denn gültig und klar, not-wendig in aller Schönheit des Wortes?

Die Erde, der Baum, der See, der Bach, diese anderen Augen des Mannes, das Wasser, das Brot, die ziehenden Wolken …

„Dümpeln im Baggersee – den aber für den Himmel halten und meinen, man würde schweben“, hatte abschätzig die Architektin gemeint, der sie neulich vom Jubel der Notwendigkeiten zu erzählen versucht hatte, und nach ihrem Kontostand gefragt.

Dass Erfahrungen einfach nicht mitteilbar sind. Wir können immer nur an das rühren, was andere schon kennen. Wir können nur erinnern. Aber vielleicht doch manchen auch aufmerksam machen – und damit empfänglicher für ähnliches Erleben?

Die Kühle des Grases macht wach. Vögel singen. Der Jubel wird dunkler, als eine Wolke sich vor die Sonne schiebt, wird heller, als die Sonne sich wieder löst.

Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.


Donnerstag, 8. November 2018

Nach fünf Jahren habe ich ein neues Haiku-Buch veröffentlicht! Spatzengeplauder, 160 Seiten mit 601 Haiku aus vier Jahren und fast 5.000 Haiku-Notizen ausgesucht.

Börsenkrach.
Das Gold des Birkenlaubs
hebt keiner auf.

Kinderspielplatz.
Das Ende der Rutsche –
ein Laubhaufen.

Kohlewaggons –
bunt bemalt
zwischen fallendem Laub.

Laub liegt
auf dem Besen, den die Kinder
vergaßen.

Kaffeehauswärme.
Der Klang eines Löffels
im leeren Glas.

Volker Friebel (2018): Spatzengeplauder. Haiku. Edition Blaue Felder; PapierBuch: 160 Seiten, 12,00 €; eBuch, epub-Format: 49.000 Zeichen, 5,99 €.

Bestellmöglichkeit auf www.blaue-felder.de, in den Buchhandlungen, mit Vorschau auch beim Drucker:


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