Fluten-Log

Gelegentlich etwas Neues oder Altes, Text oder Foto, ausgearbeitet oder Notiz. Soweit nicht anders angegeben, sind alle Beiträge von Volker Friebel.

 


Sonntag, 12. Mai 2019

Nun sind wir eine Woche von List auf Sylt zurück. Hier eines der letzten Fotos, vom Ellenbogen, dem nördlichsten Gebiet Deutschlands, immer eine schöne Fahrt auf den mitgenommenen Falträdern:

 


Montag, 22. April 2019

Geräusche im Zimmer

Die Mutter hat gerufen: Essenszeit. Emil setzt sich auf seinen Platz im Esszimmer und schaut, was es gibt.

Sein Kinderzimmer ist nun leer. Wenn jemand in ihm wäre, vielleicht könnte er dann riechen, was die Mutter gekocht hat und was sie nun drüben im Esszimmer verspeisen … Vielleicht könnte er auch den Duft der Bücher im Regal riechen … Oder das frisch gewaschene Bettzeug … Oder gar nichts Bestimmtes, nur etwa die Wärme der Luft …

In der Mitte des Zimmers steht die Trommel, die Emil vom Flohmarkt mitgebracht hat. Vorhin hat sie unter Emils Händen viele Laute von sich gegeben. Nun ist sie stumm …

Auch vieles um die Trommel herum ist nun stumm und hat doch vor kurzem noch Laute von sich gegeben …

Die Bücher im Regal haben geknistert, als Emil in ihnen geblättert hat …

Eddie, der Hase aus Plüsch, hat Geräusche gemacht, als Emil ihm über das Fell strich …

Das Bett hat Geräusche gemacht, als Emil in ihm lag und schlief und eigentlich alles sehr ruhig war … Aber bei jeder Bewegung Emils waren dann eben doch die Geräusche des Betts und der Bettdecke …

Am Fenster summt manchmal eine Fliege auf der Suche nach einem Weg hinaus – aber das ist ein anderes Geräusch, das gar nichts mit Emil zu tun hat … das nur mit der Fliege zu tun hat, die hinaus will, und mit der Fensterscheibe, die sie daran hindert …

Einmal hat Emil das Fenster geöffnet, als er so eine Fliege sah, und die Fliege ist aus dem Fenster geflogen. Das war dann nicht mehr das Geräusch von Fensterscheibe und Fliege, sondern von Himmel und Fliege …

Dieses Geräusch hat Emil gut gefallen – und dieses Geräusch hatte dann doch wieder mit Emil zu tun, auch wenn es die Fliege gemacht hat. Aber er, Emil, hat das Fenster aufgetan, damit sie dieses Geräusch machen konnte …

Gerade aber gibt es gar keine Geräusche im Zimmer. Außer das Geräusch der warmen, zitternden Luft vielleicht … Oder das Geräusch der tanzenden Staubflocken, das auch so fein ist, dass niemand es hört …

Ab und zu gibt es ein Geräusch aus den Wänden oder ein Geräusch von nebenan, wenn dort etwas so laut ist, dass es durch die Wände dringt … Vielleicht ist jetzt ab und zu etwas aus dem Esszimmer zu hören, wo Emil und die Eltern und seine Schwestern noch immer essen … Wenn jemand spricht oder wenn das Geschirr klappert …

Er wäre manchmal schön, wenn man einmal einfach die Augen schließen und lauschen könnte, auf die Geräusche, die dauernd da sind …

Es wäre manchmal schön, wenn man erraten könnte, was für Geräusche das sind …

 

Traumreise aus: Volker Friebel (2017): Tanz um die Quelle. Meditative Tänze mit Kindern. Mit Traumreisen, Geschichten, Spielen und Liedern. Buch mit Zugängen zu den 12 Musikstücken der Tänze sowie zu Tanzvideos. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Montag, 1. April 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl April 2019.

 


Sonntag, 24. März 2019

 

Zwei Spatzen sitzen im Apfelbaum und spähen durchs Fenster in die Küche von Lehmanns.

„Die Emma kocht!“, zwitschert Anton

„Der Kochtopf kocht“, widerspricht Karl.

„Die Suppe im Kochtopf von Emma kocht“, präzisiert Anton.

„Wir Spatzen werden die Menschen nie verstehen“, sinniert Karl. „Wie man sein Futter durch Kochen verderben kann!“

„Sie glauben, es wird besser dadurch“, piept Anton.

„Ich habe auch mal von einem verbrannten Regenwurm gekostet, letztes Jahr, nach dem Feuer am Wiesenrain. Ich kann dir sagen: Die Menschen irren!“, doziert Karl und schüttelt die Flügel.

Jetzt hüpfen die beiden auf ihrem Zweig auf und ab, denn die Emma hat sich beim Kosten verbrannt.

„Viel zu heiß, sie muss die Suppe wegschütten“, piept Anton.

Und sie flattern davon, Fliegen jagen.

 

Aus: Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; nur als eBuch.

 


Dienstag, 12. März 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Tagesausflug ins Wolfstal bei Lauterach, Obere Donau, zur Blüte der Märzenbecher.

 


Donnerstag, 7. März 2019

Das Haiku ist Gegenwartsdichtung. Es hat seinen Ort in der Zeit und im Raum. Da liegt es nahe, dass mit der Zeit, wenn viele dichten, ein großes Archiv von Texten zu gleichen Zeiten und Orten erstellt wird, zum Frühling, zum Mond, zum Waldweiher, zu bestimmten Städten, Landschaften, Flüssen, Bergen.

Besondere Orte, zu denen schon Gedichte erhalten sind, werden im Japanischen Uta-Makura genannt. Uta heißt Gedicht, Makura Kopfkissen, zusammen lässt es sich übertragen als Gedichtkopfkissen. Gemeint sind Orte, die von früheren Gedichten vertraut und wert gemacht wurden, dass man sein Haupt hier wie auf einem Kopfkissen betten kann. Und vielleicht ein neues Gedicht hinzufügt. Es wird immer ein neues sein, denn jeder Mensch wird jeden Ort verschieden erleben, selbst derselbe Mensch wird einen Ort verschieden erleben, wenn er ihn zu verschiedenen Zeiten besucht.

In Japan hat es Tradition, zu solchen besonderen schon früher bedichteten Orten zu wandern und sie neu zu erleben. Wie das bei Traditionen so ist, kann es auch belächelt werden. Bashōs berühmtes Buch „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ ist der Bericht einer solchen Dichterreise.

Auch die europäische Kultur kennt solche Reisen. Es ist der Pilgerweg. Traditionell stehen hier nicht Schönheit und Dichtung im Vordergrund, sondern der Versuch, dem Göttlichen nahe zu kommen durch die Anstrengung einer Reise zu heiligen Stätten.

In der Hochzeit des Glaubens durchzog ein Netz von viel begangenen Pilgerwegen Europa. Mit der Säkularisierung verfiel es zunächst, die Flüsse wurden zu Rinnsalen – um dann wieder anzuschwellen. Heute sind die Herbergen des Jakobswegs überfüllt.

Für einige Pilger geht es wie damals um Glaubensfragen. Die große Mehrzahl hat andere Gründe für ihre Pilgerschaft, will sich über persönliche Fragen klar werden, über ein einschneidendes Ereignis hinwegkommen oder einfach die Natur erleben und wandern.

So liegt es nahe, dass auch bei uns sich zu bestimmten Landschaften und Orten ein Gedächtnis an Gedichten aufbauen wird, die dort entstanden sind oder sie zum Thema haben. Dass auch mit Haiku die Welt und das Leben gefeiert werden und die Erinnerung an die Falten der Zeit und die vielen Augen, die kurz aus ihnen hervorblinzeln.

Aus einem Buch zum Haiku, an dem ich gerade schreibe.

 


Montag, 25. Februar 2019

Vor einem Windrad bleiben sie stehen. „Was ist das?“, fragt Prinz Vogelfrei

„Das ist ein Windrad“, sagt Geheimrat Eule, „eine Maschine zur Gewinnung von Energie, in den Wind hineingebaut.“

„Dann ist der Himmel voll Kraft“, sagt Prinz Vogelfrei.

„Doch er ist schwer zu nutzen“, sagt Geheimrat Eule. „Das können sonst nur wir Vögel.“

„Das kann alles, was lebt – mit seinem Atem“, sagt Prinz Vogelfrei.

„Und das Gras über die Verwandlung des Lichts aus dem Himmel“, ergänzt Geheimrat Eule.

Murk hat in der Wiese eine Pusteblume entdeckt. Er reißt sie aus und bläst Schirmchen in den Himmel hinein. Er strahlt. „WindWind“, ruft er und rennt einem Schmetterling nach.

 


Freitag, 8. Februar 2019

Der Ipf ist ein Zeugenberg der Schwäbischen Alb. 668 Meter erhebt er sich über den Meeresspiegel und ragt damit 200 Meter über das Land der Voralb.

Die Befestigungen des Gipfelplateaus reichen zurück bis in die Spätbronzezeit, ins 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Der Höhepunkt dieser Kultur scheint sieben Jahrhunderte später gelegen zu haben. Besiedelt war der Ort aber wahrscheinlich schon seit der Jungsteinzeit.

Wir steigen im treibenden Schnee den dick verschneiten Hang hoch. So war das hier! So sind wir selbst! Wo sind die hin, die hier lebten? Sie sind in uns. Wer aber wir sind, wissen wir nicht. Wir wissen nur, was wir tun. Wir wandern.

Schneetreiben.
Die Stoppeln im Feld
leuchten.

[…]

Der ganze Text: Winterwanderung vom Ipf nach Neresheim

 


Donnerstag, 7. Februar 2019

Veröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Januar 2019. Das Foto stammt aus Wien.

 


Sonntag, 3. Februar 2019

Stimmen

Gemeinsam haben wir Wörter erfunden,
Wörter wie „Schnee“, wie „Rose“ und „Blut“.
Wir haben Fotos aus alten Koffern gesichtet,
Portraits entfernter Verwandter, alle längst tot.
Wir haben uns in einem vergilbten Auge
erkannt, im Schatten eines Lächelns, im Ausdruck
einer halb geschlossenen Hand.

Lass uns die Augen schließen
und träumen! Lass uns die Augen öffnen und wissen:
Alles ist Traum.

Das Radio quakt. Denen ihr Auftrag
in deinem Kopf. Soldaten werfen Reissäcke ab.
Wir träumen noch immer.

Wir schauen uns an und versuchen:
„Wahrheit“, „Wasser“, „Liebe“, „Brot“.
Das Radio plappert noch immer.

Wenn Stimmen schnell sind und bunt,
dann weißt du,
dass du sie abschalten kannst.

Wenn die Stimme der Märchenerzählerin zittert,
dann hör genau hin.

Wenn du ihre Lippen berührst,
dann weißt du, was wahr ist.

Aus: Volker Friebel (2008): Brunnensteine. Gedichte und Haiku. Zweite Ausgabe. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Sonntag, 27. Januar 2019

„Verstehst du, weshalb die Menschen von Jahr zu Jahr schneller werden?“, zwitschert Anton.

„Wieso schneller?“, zwitschert Karl zurück.

„Na, die Autos werden schneller, die Musik wird schneller, die Menschen gehen sogar immer schneller – vor allem auf dem Weg zur Arbeit“, behauptet Anton.

„Das kommt wahrscheinlich daher, dass sie es hinter sich bringen wollen“, tschilpt Karl.

„Was denn hinter sich?“, tschilpt Anton.

„Das Sitzen im Auto, das Hören der Musik, die Arbeit“, zählt Karl auf.

„Ein Glück, dass wir Spatzen sind“, zwitschert Anton. „Auf der Scheune sitz ich so gern – ich will das gar nicht hinter mich bringen!“

„Ein Glück, dass wir Spatzen sind“, pflichtet Karl ihm bei. „Auf der Scheune sitzen wir langsam.“

 

Aus: Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; eBuch, epub-Format: 51.000 Zeichen, 3,99 €.

 


Donnerstag, 17. Januar 2019

Veröffentlichung einer früheren Fassung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Dezember 2017. Das Foto stammt aus einer Reise durch Patagonien.

 


Sonntag, 13. Januar 2019

Unsere Wahrnehmungen gelangen von den Sinnesorganen in den Thalamus, das ist eine wichtige Struktur im menschlichen Zwischenhirn. Von dort geht eine Verbindung zum Großhirn, wo sie genau analysiert werden. Eine zweite, schnellere Verbindung geht in die Amygdala, gleichfalls eine Struktur im Zwischenhirn, die für emotionale Verarbeitung durchführt. So reagieren wir auf Wahrnehmungen, bereits bevor sie vollständig analysiert sind, mit einer emotionalen Reaktion.

Die wichtigste Verarbeitung bezieht sich dabei auf die Zuordnung: Ist das, was ich wahrnehme, gefährlich oder nicht? Je nach der Antwort spricht besonders stark entweder der Sympathikus an, der Teil unseres Nervensystems, der für Erregung zuständig ist, oder der Parasympathikus, der für Ruhe und Erholung zuständig ist.

Durch Bäume, Gras, Seen, Wasserfläche wird der Parasympathikus stimuliert, wird der Körper sozusagen auf Ruhe, Erholung, Regeneration gestimmt, durch Straßenverkehr oder auch eine Schlange im Gras wird unser Kampf-Flucht-System angesprochen, der Sympathikus stimuliert, gerichtete Konzentration und Blutdruck steigen, die Herzfrequenz nimmt zu.

Der Zustand der Erregung und der von Ruhe und Erholung sind für uns gleichermaßen wichtig. Wir müssen handeln, wir müssen uns konzentrieren können. Das kostet allerdings Kraft – und die Reserven des Körpers sind nicht unerschöpflich. Dauert ein solcher Zustand von Handeln und Konzentration zu lange an, führt das zu Stress, unsere Leistungen lassen stark nach. Dann sind Ruhe, Erholung, Wiederaufbau der Reserven nötig.

Aus diesem Zusammenspiel von Erregung und Ruhe besteht unser Leben. Überdauernder Stress bedeutet eine Störung des Gleichgewichts, auch Krankheit ist eine solche. Dann sind zum Ausgleich die ruhigen und aufbauenden Kräfte unseres Körpers besonders gefragt, die Arbeit des Parasympathikus.

Aus einem gerade entstehenden Buch über Psyche, Gesundheit und Natur.

 


Freitag, 4. Januar 2019

Erstveröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Januar 2019.

 


Dienstag, 1. Januar 2019

„Was war denn letzte Nacht für ein Radau?“ Anton wischt mit einem Flügel durch die Luft.

„Das waren die Menschen“, behauptet Karl. „Sie nennen es Silvester.“

„Wie letztes Jahr?“

„Wie letztes Jahr!“, bestätigt Karl.

„Aber warum machen die Menschen jedes Jahr von neuem Radau?“, fragt Anton.

„Sie wollen den Himmel erobern“, erklärt Karl. „Und wenn die Tage am kürzesten sind und die Nächte am tiefsten, dann, glauben sie, könnten sie die Götter überrumpeln.“

Anton lacht.

Karl lacht auch.

Dann schweigen sie. Nebeneinander hocken sie auf der Stromleitung und schauen über das Land.

„Warum sind die Menschen nur so dumm?“ Anton geht die Sache nicht aus dem Köpfchen. „Wenn etwas nicht klappt, dann lässt man es doch bleiben!“

„Wir Spatzen schon. Aber die Menschen glauben, sie müssten sich nur mehr Mühe geben, dann klappe es schon irgendwann.“

„Aha“, meint Anton.

„Oder“, Karl streckt sich, „die Menschen meinen, dass es geklappt habe! Vielleicht denken sie ja“, fantasiert er, „die Götter wollen die Erde erobern und die Menschen müssten sie mit ihrer Knallerei abschrecken. Und weil die Götter die Erde letztes Jahr nicht erobert haben, glauben sie, ihre Knallerei hätte Erfolg gehabt. Und deshalb knallen sie im nächsten Jahr wieder.“

„Aha“, wiederholt Anton.

„Oder“, fällt Karl ein, „sie knallen nur einfach zum Spaß.“

„Aha“, wiederholt Anton nochmal.

„So ist das“, meint Karl.

„Und was von den dreien stimmt jetzt?“, will Anton wissen.

„Vielleicht gar keines“, meint Karl.

„Was stimmt aber dann?“

„Vielleicht nichts von den dreien, aber das siebte oder das zweihundertachtzehnte. Aber das fällt mir jetzt leider nicht ein.“ Karl springt in den Himmel und flattert weg, in den Apfelbaum.

 

Aus: Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; eBuch, epub-Format: 51.000 Zeichen, 3,99 €.


Dienstag, 1. Januar 2019

Ephesos. Aus einem Stück Marmor am Saum der Kuretenstraße starrt Nike mich an. Sie blieb, ihr Gesicht kaum zu deuten, um sie herum Glück und Unglück, Niederlage und Sieg in unterschiedlichen Stadien der Auflösung, hier noch eine Säule ohne Dach, da der Torso eines Gottes, unter uns Pflastersteine, glatt geschliffen vom Tritt der Jahrtausende, überall Wände und Pfeiler und Gesichter als Staub in der Luft, aufgelöst unter Regen und Licht, die Tage gaben sie in den Himmel zurück, wo sie nun schweben, wo sie durch den Atem der Besucher gehen.

Aus einem Streifen am Horizont taucht die Sonne auf, erleuchtet die leere Bibliothek.

 


Montag, 24. Dezember 2018

Wäscherinnen

Ein trüber und kalter Vormittag, ein 24. Dezember. Ich gehe nach langem wieder einmal den Fußweg von meiner Wohnung zur Universitätsbibliothek. Als Student und Doktorand ging ich hier oft, die Füße finden den Weg auch allein, die Gedanken über ihnen schaukeln träge dahin. Ich sinne, wie sich die Öffnungszeiten seit damals günstig entwickelt haben: Durch die Automation der Ausleihe ist die Bibliothek nun fast rund um die Uhr geöffnet.

Am alten Nussbaum bleibe ich stehen. Und lache. Denn ich sehe mich drüben stehen, auf der anderen Straßenseite, an einem anderen Ufer der Zeit.

Damals war mir beim Gang zur Bibliothek aufgefallen, dass sich unter dem Baum Wäscherinnen versammelt hatten, neben ihnen ein Leiterwagen der Kliniken. Die Frauen aßen offenbar etwas, bückten sich ab und zu. Was konnte das für eine Frucht sein? Mir fiel nichts ein, das zu ihren Bewegungen passte.

Ich war weiter gegangen, zu meinen Büchern. Auf dem Rückweg aber untersuchte ich den Rasen unter dem Baum. Walnussschalen! Hoch in den Wipfel schauen! Einen Walnussbaum hatte ich noch nie bewusst wahrgenommen, hatte gedacht, dass ein solcher nördlich der Alpen gar nicht möglich sei. Diese Wäscherinnen haben mein Leben bereichert.

Nun stehe ich wieder hier. Die Alte Wäscherei ist Teil der ausufernden Bibliothek geworden, Wäscherinnen gibt es hier keine mehr. Der Asphalt, Gehweg und Straße, auch der Rasen: Alles ist übersät mit Walnüssen! Die Studenten sind vorbei geströmt, vorbei gefahren. Niemand blieb stehen. Niemand zeigte mehr in die Wirklichkeit jenseits der Bücher.

Gras nass und kalt,
wie die Finger, die die Walnuss
berühren.

Eine Tasche voll Nüsse gehe ich weiter zur Bibliothek – die geschlossen hat.

 


Sonntag, 23. Dezember 2018

Haiku und Foto vom Freitag, 14. Dezember 2018, Topkapi-Palast, Istanbul.

 


Donnerstag, 13. Dezember 2018

Eine antike Tragödie, nach der Entscheidung. Der Chor tritt auf, als unterworfenes Volk, und beginnt ein Trauerlied: „Wir sind gemüpfelt!“

Der Bibliothekar lächelt bitter. „Die Gemüpfelten.“ Er hat schon lange aufgegeben darauf zu spüren, wo seine Sympathien liegen.

Was solls auch? Er weiß sich weit über dem gemüpfelten Volk, und er weiß, dass er mit ihnen und einer der ihren ist.

„Kuckuck!“, die Uhr an der Wand schreit die zwölfte Stunde aus.

Dann öffnet sich das Türchen noch einmal, der Kuckuck lugt heraus, starrt ihn an und schnarrt: „Gemüpfelt?“

Der Bibliothekar seufzt. Ja, könnte einer genau beantworten, was das Wort bedeutet, erhöbe sich der letzte Sturm und das Volk gewönne alle Welt.

 


Sonntag, 9. Dezember 2018

In: „Zurück zur Natur? Erkenntnisse der Naturpsychologie“ von Antje Flade (2018) lese ich über eine Studie aus Schweden zu zwei Kindertagesstätten, eine mit grünem Außenbereich, die andere nicht. Kinder in der „grünen“ Institution waren seltener krank, körperlich geschickter, einfallsreicher und fähiger, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Gefördert wird bei uns dagegen das Kinderhaus, das Lernen „drinnen“.

Eigentlich finde ich die pädagogische Aufwertung der Kindergartenzeit begrüßenswert. Die Art und Weise wie sie meistens umgesetzt wird, schafft es allerdings, aus einer im Grunde guten Entwicklung eine negative zu machen.

 


Montag, 3. Dezember 2018

Die Lieder der Gräser sind vor ein paar Tagen erschienen, ein neues Gedichtbuch. Die kostenfreie pdf-Version ist, wie auch die pdf-Version des kürzlich erschienenen Haiku-Buchs „Spatzengeplauder“, ladbar unter Quelle.

Als nächstes wird ein berufliches Projekt zum Abschluss kommen, ein Online-Kurs zur Unterstützung von Abnehm-Programmen mit psychologischen Techniken.

 


Samstag, 1. Dezember 2018

In Berlin wurden 100 Radfahrer zwei Monate lang untersucht. Es ging darum, wie eng sie von Autos überholt werden. Dabei zeigte sich, dass der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 1,5 Meter in mehr als der Hälfte der Überholvorgänge unterschritten wurde. Besonders interessant finde ich einen Satz aus der „Analyse“ des Tagesspiegels:

„Diejenigen, die aus Angst nah entlang der Parkreihen radeln, werden enger überholt.“ (Tagesspiegel, abgerufen 01.12.2018: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser/kapitel7.html)

Ich denke doch, dass nicht nur die Fahrradfahrer, die aus Angst, sondern auch die etwa aus Rücksichtnahme den Autofahrern gegenüber nah an parkenden Autos fuhren, besonders eng überholt wurden. Der Zeitungsschreiber des eigentlich verdienstvollen Projekts unterscheidet nicht zwischen Fakten und seiner Interpretation von Fakten – oder will uns seine Interpretation aufdrücken. Das ist bei Zeitungsartikeln allerdings allgegenwärtig.

Aufhorchen lässt der Satz inhaltlich trotzdem. Als Fahrradfahrer sollte man sich ihm zufolge (und die Grafik zum Text belegt das) also keinesfalls rücksichtsvoll oder ängstlich verhalten, sondern sich möglichst breit machen und sehr selbstbewusst auftreten. So lebt es sich am sichersten.

Schade, schade!

 


Donnerstag, 22. November 2018

Erstveröffentlichung in Haiga im Focus (Netzseiten von Claudia Brefeld), Auswahl Dezember 2017.

 


Sonntag, 18. November 2018

Eigentlich wollte ich mich nur zwischen zwei Korrekturen eines anspruchsvollen Projekts erholen und las deshalb in den heiteren Spatzengesprächen, die ab Mitte 2014 nach und nach entstanden sind. Das sind Prosa-Texte, in denen sich die beiden Spatzen Anton und Karl über die Menschen und ihre Welt klar zu werden versuchen.

Aber ich las mich fest, ich begann zu überarbeiten, neue Gespräche zu schreiben – und binnen zweier Tage wurde daraus ein eBuch: Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe.

Noch ein Spatzengeplauder, ein paar Tage nur nach dem gleichnamigen Haiku-Buch! Wahrscheinlich hatte mich die Namensassoziation ausgerechnet zu diesem Manuskript geführt. Es hätte genügend andere zur Entspannung gegeben. Aber da ist es nun!

Volker Friebel (2018): Anton und Karl – Spatzengeplauder für Kindsköpfe. Edition Blaue Felder, Tübingen; eBuch, epub-Format: 51.000 Zeichen, 3,99 €.

Mal schauen, ob ich den Schwung nutzen kann, auch noch eine Papier-Version zu erstellen. Eigentlich sollte ich wieder zur Korrektur des anspruchsvollen Projekts zurück. Aber:

„Weißt du, was ich am liebsten pfeife?“, fragt Karl.

„Was denn?“, fragt Anton.

„Unsinn, nichts als Unsinn!“

„Warum denn das?“ Anton beugt sich neugierig auf dem Scheunendach vor.

„Weil Unsinn der Weisheit nahe kommt, aber nicht so anstrengend ist“, piept Karl und reckt die Brust vor. „Außerdem macht er mehr Freude.“

 


Freitag, 16. November 2018

Clara ist nicht nach Hause gegangen. Auf einer Wiese steht sie, fern von der Stadt. Sie hat ihre Schuhe ausgezogen und geht nun über das Gras.

Das Gehen ist es. Kein Wohin, kein Wozu. Am besten wäre es, wenn es gar kein Zurück geben müsste, wenn alles Planen völlig entfiele.

So wie der Schmetterling fliegt, immer ganz im Zentrum der Welt. Nach allen Seiten sind Wege im Himmel, alle sind gleich, jeder ist eine Verheißung, jede Sekunde ist Vollkommenheit, die Heimat ist immerzu hier, in jeder Wendung, in jeder Bewegung der Flügel.

Was dich festhält! Gerade dich Menschen! Der von der Freiheit nur redet, in der dieser Schmetterling sich jeden Flügelschlag lang wiegt. Eine Freiheit, die Menschen nur als Abstraktion kennen, als politisches Programm, in der sie aber keinen Lidschlag ihres Lebens sind.

Clara summt ein Lied von der Liebe.

Und verstummt.

Die leichten Schritte spüren, im Gras.

Liebe ist Bindung.

Ist Liebe Fessel?

Die Erde bindet mit ihrer Schwerkraft, mit diesem Rosenblatt, das du pflückst, mit der Süße von Trauben. Wie könntest du die Schwerkraft vermeiden? Wie wolltest du die Schwerkraft vermeiden? Du würdest nicht einfach bloß schweben, du verlörest dich zwischen auseinanderstrebenden Staubflocken im All.

Dieser Schritt in das Gras – diese Berührung der Erde …

Anerkennen wir nicht mit jeder Berührung gerade die Unfreiheit, die freudevolle Verbindung zwischen allem, was ist? Ist denn das Taumeln des Schmetterlings nicht linkisch? Und seine Freiheit nicht blindes Verlangen?

Vielleicht gibt es auch eine Beliebigkeit in der Bindung. Und die Ferne und Kühle der Seele, ihr erkennbarer Abstand von den Geschäften der Welt, ist ein Fernhalten von eben diesem Beliebigen.

Was für Bindungen sind denn gültig und klar, not-wendig in aller Schönheit des Wortes?

Die Erde, der Baum, der See, der Bach, diese anderen Augen des Mannes, das Wasser, das Brot, die ziehenden Wolken …

„Dümpeln im Baggersee – den aber für den Himmel halten und meinen, man würde schweben“, hatte abschätzig die Architektin gemeint, der sie neulich vom Jubel der Notwendigkeiten zu erzählen versucht hatte, und nach ihrem Kontostand gefragt.

Dass Erfahrungen einfach nicht mitteilbar sind. Wir können immer nur an das rühren, was andere schon kennen. Wir können nur erinnern. Aber vielleicht doch manchen auch aufmerksam machen – und damit empfänglicher für ähnliches Erleben?

Die Kühle des Grases macht wach. Vögel singen. Der Jubel wird dunkler, als eine Wolke sich vor die Sonne schiebt, wird heller, als die Sonne sich wieder löst.

Aus: Volker Friebel (2015): Das Gewicht der Wolken. Eine Erzählung in Augenblicken und Episoden. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch und eBuch.

 


Donnerstag, 8. November 2018

Nach fünf Jahren habe ich ein neues Haiku-Buch veröffentlicht! Spatzengeplauder, 160 Seiten mit 601 Haiku aus vier Jahren und fast 5.000 Haiku-Notizen ausgesucht.

Börsenkrach.
Das Gold des Birkenlaubs
hebt keiner auf.

Kinderspielplatz.
Das Ende der Rutsche –
ein Laubhaufen.

Kohlewaggons –
bunt bemalt
zwischen fallendem Laub.

Laub liegt
auf dem Besen, den die Kinder
vergaßen.

Kaffeehauswärme.
Der Klang eines Löffels
im leeren Glas.

Volker Friebel (2018): Spatzengeplauder. Haiku. Edition Blaue Felder; PapierBuch: 160 Seiten, 12,00 €; eBuch, epub-Format: 49.000 Zeichen, 5,99 €.

Bestellmöglichkeit auf www.blaue-felder.de, in den Buchhandlungen, mit Vorschau auch beim Drucker:


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