Fluten-Log

Gelegentlich etwas Neues oder Altes, Text oder Foto oder Musik, ausgearbeitet oder Notiz. Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Beiträge von Volker Friebel.

Fluten-Log: Aktuell, Archiv: 11, 10, 09, 08, 07, 06, 0504, 03, 02, 01 (ab 07.06.2018)

 

Mittwoch, 18. August 2021

Neuerscheinung: Volker Friebel (2021): Blumen und Sand. Lieder. Audio-Album. Distributor: MusicHub. EAN: 0406494623501. Laufzeit: 43:11 Minuten.

Das dritte Album des Projekts Tausend Lieder. Hier ist die Seite des Albums, mit allen Texten und der Möglichkeit, alle Lieder anzuhören. Am Mittwoch, 1. September 2021 wird das Album vom Distributor an die einzelnen Vertriebe wie Amazon und Apple ausgeliefert. Ein paar Tage später sollte es dann dort erhältlich sein, nur elektronisch, nicht als physikalische CD.

1 Hör den Jubel 3:45
2 Ein Engel kommt 5:01
3 Hinter den Augen 7:33
4 Sing, Amsel, sing 3:22
5 Ein neuer Morgen im Paradies 4:26
6 Vergessene Wörter 3:42
7 Wer will ich sein in der Welt 4:02
8 Aufgewacht unter Sternen 2:53
9 Schnüre des Regens 4:21
10 Bring den Müll raus 4:01

 


Sonntag, 15. August 2021

Gestern fuhren Elisabeth und ich von Tübingen den Neckar hinauf nach Esslingen, Freunde besuchen. Heute ging es zurück. Einige Texte und Fotos des Ausflugs.

Im Morgentau Glanz –
einen Tropfen berühr ich.

Was ist Gerechtigkeit? Im Sport etwa dem Angehörigen eines Volkes, das eher klein gewachsen ist, beim 100-Meter-Lauf eine Sekunde Ausgleich zugestehen? Oder allen Sportlern je nach Größe oder Beinlänge Sekunden zugestehen?

Steigende Sonne –
sie zieht auch die Kürbisse im Feld
etwas mit.

Marktgeplauder.
Nur die Rosen schweigen, trinken
vom Licht.

Auf der Rückfahrt bildeten sich immer mehr Wolken. Hier und da schien abseits des Tals bereits Regen zu fallen. Kurz vor Tübingen fuhren wir dann in eine Gewitterfront. Regen und Blitze auf offenem Feld. Bei den ersten Häusern in Tübingen-Lustnau stellten wir uns unter, bereits durchnässt, aus Angst vor den Blitzen. Der Regen wurde sehr stark, wehte uns die Füße klatschnass.

Elisabeth wurde ums Eck zu dem jungen Pärchen eingeladen, das dort mit ihrem Kinderwagen an einer Bank im Windschatten Schutz gefunden hatte. Bald holte Elisabeth auch mich.  Der junge Mann, am ganzen Körper stark tätowiert, mit zahlreichen Ringen im Gesicht, hatte eine Hang aus ihrem Koffer geholt und zu spielen begonnen, in den rauschenden Gewitterregen hinein. Ich setzte mich neben ihn, lauschte. Wie zärtlich er das Metall des Instruments schlug. Die Frau, kurz geschoren, bedeckt mit Tätowierungen,  lächelte, setzte das kaum über ein Jahr alte Kind neben den Mann und die Hang, und das Kind versuchte mitzupatschen, hin und wieder gelang auch ein Ton. Die Blitze hatten bald nachgelassen, dann auch der Regen. Worte zum Abschied, „eine Regen-Meditation“ sagte der Musiker und lächelte über unser Lob seiner Musik.

 


Dienstag, 10. August 2021

In die Sommerpause hinein einen Text aus dem alten Fluten-Log, mit Datum vom Freitag, 10. Juli 2015 (ich sammle und bearbeite die alten Texte gerade für eine Publikation):

Auf dem Lyrikpfad

Wir gehen den Lyrikpfad des Arboretums im Neuen Botanischen Garten Tübingen. Gut eingerichtet: Unter Bäumen Tafeln mit Gedichten zu diesen Bäumen, jedes Gedicht unter einem roten Schirm. Die Bäume sind schön, die Gedichte durchwachsen – mit Überraschungen.

Dass Goethe untergeht, zählt nicht zu den Überraschungen. Aber Hermann Hesse lässt mich staunen: Das Gedicht zum Steppenwolf aus dem gleichnamigen Roman – so weit bin ich bei meinen verschiedenen Leseversuchen der Jugendzeit nie vorgedrungen, ich erinnere mich jedenfalls nicht, jedenfalls das Gedicht in diesem miesen Roman ist gut! Hölderlin, Rilke: klar. Das berühmte Gedicht Hölderlins von den Eichbäumen (er hat noch ein anderes im Lyrikpfad), mag ich allerdings nicht. Einige un- oder wenig bekannte Dichter der Zeit des ersten Weltkriegs: Gut! Vieles Neue ist schlecht, nämlich wenn es um jeden Preis originell sein will oder wenn es sich nur um das Handwerk bemüht.

Was heißt gut, was schlecht? Die meisten Gedichte sind handwerklich solide. Bei einigen war es das Handwerk schon, andere kommen ins Strömen. Genau das ist es dann: Nicht die Fähigkeit, Worte in ein Metrum zu pressen oder eine berechnende Originalität (beides kann eine KI bald besser als jeder Mensch), sondern der wahrhaftig eigene Blick, den aber nicht der Verstand ausspricht, sondern etwas, das im Mathematikunterricht und im Fach Informatik untergeht. Deshalb gefallen mir Hölderlins Eichbäume nicht. Das ist mir zu viel überlegt und zu wenig erlebt.

Auf dem Rückweg kommen wir über den Stadtfriedhof und besuchen Hölderlins Grab. Na gut, ich entschuldige mich! Aber nur wegen den anderen Versen. Und wegen seinem und unserem Leben.

Warum dieses Bemühen um Sprache, um Ausdruck? Vielleicht, weil es etwas in uns bewegt, das sonst stumm wäre und in diesem Stummsein ein Grab – und das im Sprechen, im Singen die Welt bereichert, wie die Sonne es tut. Weil es uns arm macht. Und damit reich. Weil es den Blick auf etwas lenkt, das so viel kostet wie ein Atemzug und das so viel wert ist wie eine Schatzkammer voll Gold.

Was das ist, das weiß keiner. Es muss etwas Einfaches sein.

 


Montag, 19. Juli 2021

Neu erschienen ist ein Kartenset mit Begleitheft beim Beltz-Verlag:

Volker Friebel (2021): 50 Motivationskarten für Erzieherinnen und Erzieher. Beltz Juventa, Weinheim. 50 Karten, Begleitheft von 24 Seiten. 16,95 €.

Im Buchhandel und bei den Versanden erhältlich. Ein Klick auf das Titelbild führt zur Seite des Sets bei Amazon, mit näheren Informationen und Bestellmöglichkeit.

 


Samstag, 17. Juli 2021

Drei Tage in Schwäbisch Hall. Ich sitze im leeren Biergarten zwischen den Armen des Kocher und warte. Zwei der kurzen Gedichte davon:

In der Welt viel Gedanken
um Gewinn und Verlust.
Der Dichter wischt Regen vom Platz,
setzt sich in den Duft
dieser Linde.

Auf dem Mäuerchen
setzt eine Taube auf, stolziert
über Lindenblüten.
Doch der Dichter hat nichts für sie
auf seinem nassen Tisch.

 


Mittwoch, 14. Juli 2021

Seit ein paar Tagen sollte das zweite Album der Tausend Lieder im Netz angekommen sein. Es heißt „Siehst du die Hörner?“ Hier sind das Titellied (mp3) sowie der Text.

Siehst du die Hörner? mp3

Hier geht es zum Album bei Amazon, mit Vorhörmöglichkeit der anderen Stücke: Siehst du die Hörner bei Amazon.

Siehst du die Hörner?

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.
Es war ein prächtiger Gott,
wenn er schrie, zitterten Berge.

Siehst du die Hörner?
In die Augenhöhlen lassen wir später
Juwelen ein.
Siehst du die Hörner?

Laster karren die heiligen Bäume
aus dem Hain in das Sägewerk.
Wir haben Äxte geschwungen,
haben getanzt und gelacht.
Unsere Motorsägen knattern noch immer,
dem Horizont zu. Eine Kuckucksuhr.
Holzspielzeug für die Kinder.
Masten für das Schiff,
das zur Sonne segeln soll,
wenn sie versinkt, um anzulanden
an ihr goldenes Schloss.
Wir werden es stürmen
und plündern.

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.
Es war ein prächtiger Gott,
wenn er schrie, zitterten Städte.
Doch diese Welt
gehört uns Menschen.

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.

 


Sonntag, 10. Juli 2021

Nach einem Online-Seminar für die Uni Trier (ich war vorher sehr skeptisch, ob sich Entspannung auch über Zoom vermitteln lässt) ein Abendspaziergang im Wald über Tübingen, durch Schatten und Licht.

In den Nachrichten so viele Regulierungsbemühungen in der ganzen Welt. Wie viel all diese Bemühungen am Ende bringen? Sie sind ein Zeichen von Ungleichgewicht. Ist ein tatsächliches oder behauptetes Ungleichgewicht vorhanden, wird dem in der menschlichen Welt nach einiger Zeit mit Regulierung begegnet. Im Wald fließt das. Alles verändert sich dort fortwährend. Der Wald hat keine Gesetze. Dennoch erscheint uns der Wald als ein Ort der Harmonie.

Gefällte Bäume am Weg,
transportbereit. Die Brennnesseln
frei.

 


Dienstag, 6. Juli 2021

Zwei Haiku, schwimmend gedichtet im Mondsee (Salzkammergut, Österreich):

Schwimmen im Mondsee –
ich berühre Wasserblumen
und Wolken.

Mondsee.
Ich schwimme einem Fisch nach,
dem Ufer zu.

Die Biene, die ich zappelnd aus dem See rettete – nach etwas Ruhen liegt sie tot nun im Gras. Als wir den See verlassen, schaue ich noch einmal an ihren Platz – und sie ist verschwunden.

 


Montag, 5. Juli 2021

Am Wolfgangsee, Salzkammergut (Österreich):

Spatzen.
Um Segelbootmasten
streicht Wind.

Touristen, suchen nach – was? Der See, seine Schönheit, die umgebenden Berge sind statisch. Menschen suchen nach Bewegungen, kleinen Reizen. Die Cafés sind da, die Möglichkeit einer Schifffahrt. Zwei Mädchen lassen sich auf Schlauchbooten von einem Motorboot in Schlangenlinien rasend schnell über den See ziehen. Sie sind schon zu weit weg, ich stelle mir ihre vergnügten Schreie nur vor. Als sie zurück sind, nehmen zwei andere ihren Platz ein. Die Berge am See sind schön. Wie lange kann ich das Grün ihrer Bäume betrachten? Es tut mir gut, wenn ich es tue. Dennoch treibt mich etwas in mir weiter.

Spatzen flattern über den Steinsplitt, verschwinden in den Wipfeln der Linden. Ein Springbrunnen im See ändert seine Form – der Wind weht seine Fontäne dünn bis übers Ufer – die schöne Schattenbank, auch von uns nur kurz belegt, wird schon wieder verlassen. Radfahrer, Autofahrer, Motorboote – Menschen sind unterwegs.

 


Sonntag, 4. Juli 2021

Elisabeth hat Sponsion (übersetzt hoffe ich etwa auf: ehrenvolle Verleihung) ihres Master of Science an der Fachhochschule Salzburg, also geht es nach Österreich. Unser Zug hoppelt über erhitzte Fluren.

Vom einen Land
in ein anderes – wir und die heiße Luft
im Zug.

 


Freitag, 2. Juli 2021

Ein Text vom heutigen Abend am Ziegelweiher im Schönbuch:

Am Waldsee sitz ich und sinne, während um mich so vieles geschieht.

Wie wenig ich davon als Handlung auffasse – die Bewegungen der Enten wohl … vielleicht auch noch die Töne der Vögel.

Denn Wind aber nicht, der ereignet sich einfach, wie auch die Bewegung von Blättern und Gräsern in ihm.

Und die Flugbahn dieser Libelle? Und das Schlendern der Schnecke über den Waldboden?

Es ist das Leben, das handelt. Manchmal.

Wie auch ich manchmal handle und manchmal einfach geschehe – wie im Kreisen meines Atems und meines Blutes, wie in den feinen Gleichgewichtsbewegungen der Muskulatur. Wie vielleicht auch in meinem dummen Ärger über den Fahrer eines Elektrodreirads, der plötzlich und kaum legal an das Wasser rollt.

Und vieles von dem, was geschieht, was sich ereignet, ist ganz oder nur sehr schwer sichtbar für Menschensinne. So auch das wichtigste Geschehen auf unserer Welt, das Branden des Lichts und die stille Verwandlung des Lichts in den Blättern und Gräser in Leben.

Auch ich bin ein Kind dieses anbrandenden Lichts. Auch ich bin ein Kind dieser Gräser und Blätter.

 

 

 

 

 

 


 

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Weitergewandert
der Schatten, nun sitz ich
im Licht.

Di. 17.09.2002, Albwanderung Tieringen – Dotternhausen, Steinbruch Plettenberg, auf einem Stein sitzend