Im Lusam-Gärtlein

Volker Friebel

 

Das Grabmal ist übersät mit Lindenblüten. Die stammen vom Baum, der den kleinen alten Friedhof beschattet. Schnittblumen bringen die Liebenden der Stadt. Nie sei der Stein ohne Blumen. Für Walther von der Vogelweide ist er gesetzt.

An den vier Ecken des Quaders sind kreisförmige Vertiefungen. Der Dichter soll verfügt haben, nach seinem Tod täglich die Vögel zu füttern. Wegen seines Namens? Vielleicht eher, weil ein Dichter von den Vögeln am meisten lernt. Elisabeth hat ein paar Brosamen in eine Mulde gegeben. In einer anderen steht ein Rest Regen.

Das Grabmal ist noch nicht alt, das eigentliche Grab unbekannt, hier irgendwo soll es liegen, im Gärtlein oder in der Neumünster-Kirche, durch deren dicke Mauern gerade dunkle Gesänge dringen.
Wir denken an all die vergangene Zeit.

Ist „Tandaradei!“ das berühmteste Wort Walthers oder „Ich saß auf einem Steine“? So viele Vögel singen in den Bäumen Würzburgs, es klingt eher nach „tandaradei“. Moden kommen und gehen, doch auch in den Liedern der Menschen ist nach all den Jahrhunderten die Liebe wichtigstes Motiv.

Der Kaiser hat abgedankt. Ein Lehen für den Dichter vergibt nun der Kaufmann. Wenn dem der Dichter nicht passt, muss der sich zu den Vögeln gesellen. An Liedern wird es nie mangeln. Die singen Menschen und Vögel einfach nur so.

Vielleicht ist es gut, wenn jeder seine eigene Stimme findet. Die Welt ist so groß und so bunt. Vielleicht wollen viele nur lauschen, und den freien Raum füllen dann eben die Sänger und Lieder der Kaufleute.
Gibt das Lehen dem Dichter und Sänger einen Halt, eine Sicherheit oder korrumpiert es ihn nur? Das dürfte auf den Dichter ankommen. Er muss zu singen beginnen. Was für Töne dem ersten Ton folgen, weiß nur der Wind.

So viele nutzlose Gedanken! Ein Spatz flattert her, schnappt einen Schnabel voll Wasser, fliegt über die Mauern davon. Wir schauen uns an.