Richtig und wahr

„Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung, aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wiederum eine tiefe Wahrheit sein“. (Niels Bohr, zitiert in: Pietschmann, Herbert: Exakte Wissenschaft und Bewußtsein. In: Guttmann, Giselher & Gerhard Langer (Hg): Das Bewußtsein. Springer-Verlag, Wien, 1992, Seite 49-63, dort auf Seite 53.)

 

Was sind denn Behauptungen in diesem Sinne? Tatsachen-Behauptungen offenbar.

Wenn ich einen blauen Mantel sehe (Tatsache) und behaupte: „Dieser Mantel ist rot!“, dann stelle ich eine falsche Behauptung auf. Wenn ich einen blauen Mantel sehe (immer noch Tatsache) und behaupte: „Dieser Mantel ist nicht blau!“, ist das, logisch betrachtet, ebenfalls eine falsche Behauptung.

Meine Reaktion, die eines lebenden Menschen, ist aber eine andere, als auf die erste Behauptung, nämlich Verwirrung. Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem, was ich sehe und dem, was behauptet wird, bringt mich in diesem Fall dazu, darüber nachzudenken, unter welcher Perspektive die Aussage denn wahr oder zumindest sinnvoll sein könnte. Philosophisch neige ich dazu, sie als ein Gesprächsangebot zu akzeptieren.

Bei der ersten Aussage, obschon gleichfalls ein Widerspruch zwischen dem, was ich sehe und dem, was behauptet wird, denke ich nur daran, dass jemand Farben oder Wörter für Farben verwechselt oder mich einfach veräppeln will. Warum reagiere ich bei der zweiten Behauptung viel vorsichtiger?

Zum einen gibt die zweite Behauptung die „richtige“ Farbe, nämlich blau, vor. Sie nennt sie, behauptet aber, dass sie nicht vorliege. Also scheidet eine bloße Verwechslung aus. Zudem ist das Wort „nicht“ recht anspruchsvoll. Auszusagen, etwas liege „nicht“ vor, erfordert eine höhere intellektuelle Leistung, als von allen möglichen Dingen zu behaupten, dass sie vorliegen – außer natürlich, wenn sie nicht vorliegen, aber das bestätigt meine Behauptung bloß. Zum bloßen Veräppeln passt das nicht ganz. Deshalb die Suche nach Alternativen des Verstehens, durch eine Erweiterung des Rahmens, in dem nach einem Sinn der Aussage gesucht wird.

Zwei logisch gleichermaßen falsche Aussagen werden also dadurch, dass ich Umgebungsvariablen berücksichtige, dass ich sie nicht isoliert sehe, sondern ihre Einbettung in der Welt würdige, zu zwei unterschiedlichen Aussagen, von denen die eine „falsch“ ist und die andere – herausfordernd.

Wenn das Feld der Logik-Tabelle für Tatsachen-Behauptungen als ein zweidimensionales aufgefasst werden kann, dann brächte die Berücksichtigung einer Einbettung von Tatsachen in die tatsächlich existierende Welt vielleicht etwas wie eine dritte Dimension hervor. Das muss die Dimension sein, in der weniger von „richtig“ und „falsch“ als vielmehr von „wahr“ und „unwahr“ die Rede sein kann. Eine Dimension, in der zwei Aussagen zur selben Tatsache, von denen die eine „richtig“ und die andere „falsch“ ist, sich nicht widersprechen müssen, sondern beide gleichermaßen „wahr“ sein können. Eine Dimension, in der sich zwei Aussagen widersprechen können, aber dennoch von gleicher „Tiefe“ sind. Das ist die Welt, in der wir tatsächlich leben.

 

PS: Ich schreibe „Logiktabelle“ und meine damit die „Wahrheitstabelle“ für logische Aussagen. Die Bezeichnungen dort sind, im zweiwertigen Fall, w für „wahr“ und f für „falsch“. Das ist aber falsch. Es muss eigentlich r für „richtig“ und f für „falsch“ heißen. Und der Name muss Logiktabelle oder Richtigkeitstabelle lauten. Die Wahrheit ist in der Logik ein Missverständnis.

 

Erstveröffentlichung am Freitag, 30.01.2015 im inzwischen inaktiven www.fluten-log.de, neu gesetzt am Dienstag, 04.02.2020 auf dessen Nachfolger auf www.volker-friebel.de