Gefährdung

Volker Friebel

 

Covid-19 (Corona-Virus): Bis zum Sonntag, 22.03.2020 in Deutschland unter 90 Tote. Das wird aber noch stark zunehmen. Wie steht es um mögliche Vergleiche?

Tote insgesamt: Alle Sterbefälle in Deutschland 2018: 954.874 (Quelle: Statista)
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/156902/umfrage/sterbefaelle-in-deutschland/
Bevölkerung in Deutschland Ende 2018 laut Statistischem Bundesamt: 83,02 Millionen. Also starben 2018 etwa 1,15% der Bevölkerung.

Grippe: „Die außergewöhnlich starke Grippewelle 2017/18 hat nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Das sei die höchste Zahl an Todesfällen in den vergangenen 30 Jahren, wie der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, heute mit Blick auf eine eigene aktuelle Auswertungen erklärte. Es gebe auch saisonale Wellen mit wenigen Hundert Todesfällen. […] Ein Vergleichswert für die laut RKI „moderate“ Welle 2018/19 liegt noch nicht vor.“ Aus dem Ärzteblatt, online:
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106375/Grippewelle-war-toedlichste-in-30-Jahren

Terrorismus: Für 2018 und Deutschland konnte ich im Netz gar keine Toten finden, für die EU insgesamt werden 14 Tote aufgeführt.

Rauchen: Zahlen 2018 für Tote durch Rauchen in Deutschland gibt es wohl noch nicht, als letzte Jahreszahl finde ich: „Im Jahr 2013 starben rund 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das waren 13,5% aller Todesfälle.“:
https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/news/PM_Daten_und_Fakten_DHS_Jahrbuch_Sucht_2019.docx.pdf

Alkohol: Auch noch nichts Genaues zu Toten durch Alkohol 2018 in Deutschland. „Schätzungen für Deutschland belaufen sich auf etwa 74.000 Todesfälle, die durch riskanten Alkoholkonsum oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak verursacht werden.“:
https://www.aktionswoche-alkohol.de/presse/fakten-mythen/zahlen-und-fakten/

Drogentote: „2018 starben deutschlandweit 1.276 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums.“:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/403/umfrage/todesfaelle-durch-den-konsum-illegaler-drogen/

Verkehrstote in Deutschland 2018: 3.275 (2019 waren es dann 3.059).

Luftverschmutzung: Natürlich ist das schwierig herauszurechnen. Als Richtwert: „In Deutschland lassen sich jedes Jahr rund 13.000 vorzeitige Todesfälle auf Luftverschmutzung aus dem Verkehr zurückführen.“ Nach einer wissenschaftlichen Studie in Zeit online:
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-02/studie-luftverschmutzung-todesfaelle-abgase-verkehr

 

Bei der Auflistung fällt auf, dass wir auf manche Gefährdungen sehr sensibel reagieren, über andere dagegen eher hinwegsehen. Was dürften die dafür bestimmenden Faktoren sein? Ich vermute:

* Mögliche persönliche Betroffenheit: Wer beispielsweise keine Drogen nimmt, wird durch die Zahl der Drogentoten weniger beunruhigt. Wenn jemand heranwachsende Kinder hat, dann aber doch.

* Grad der Selbstbestimmtheit: Bekannte Todesursachen, vor denen man sich gar nicht schützen kann, dürften eher gelassen betrachtet werden, solche, vor denen man sich problemlos schützen kann, auch, solche, die über einen hereinbrechen können, obwohl grundsätzlich ein Schutz möglich ist, dürften besonders stark beunruhigen.

* Neuheit: Eine neu auftretende Todesursache dürfte besonders stark beunruhigen, solange noch nicht abgeschätzt werden kann, wie weit wir selbst persönlich betroffen sind, wie kontrollierbar sie ist, wie sie sich weiterentwickelt.

Ich vermute also, dass weniger die absolute Gefährdung für unsere Reaktionen auf Gefährdung eine Rolle spielt, dafür deutlich mehr unser Grad an Sicherheit/Unsicherheit hinsichtlich unserer persönlichen Betroffenheit und unseren Handlungsmöglichkeiten. Das zu wissen, kann helfen, Ängste zu relativieren. Ganz nehmen sollte es Ängste nicht, denn tatsächlich können alle Gefährdungen uns treffen und tödlich sein.

 

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