Fès

Morgen bei Fès.
Eine Pomeranze, gefallen
ins kühle Gras.

Fès liegt etwa 60 Kilometer östlich von Meknès in einer fruchtbaren Tiefebene. Es ist die älteste der vier Königstädte und hat etwas über eine Million Einwohner, ist damit nach Casablanca und Rabat die drittgrößte Stadt Marokkos.

Im Jahre 809 unserer Zeitrechnung wurde Fès an einer Kreuzung wichtiger Handelswege gegründet, so führt nach Süden eine alte Karawanenstraße am Mittleren Atlas entlang nach Marrakesch.

Seit Stiftung der ältesten noch bestehenden Bildungseinrichtung der Welt, der Universität al-Qarawīyīn im Jahr 859 als Schule der islamischen Wissenschaften durch Fatima al-Fihri, Frau eines reichen Händlers, gilt Fès als eines der wichtigsten geistigen Zentren des Islam. Und seine Altstadt, ein Gewirr von Gassen, kleinen Plätzen, Handwerksbetrieben, Läden, als größte erhaltene mittelalterlich geprägte Siedlung der Welt.

Autos fahren hier keine, es ist zu eng. Die Waren werden auf Karren transportiert, auf Eseln, auf den Schultern von jungen Männern. Oder mit dem Moped.

Der Stadtangestellte –
mit einem Palmwedel
fegt er den Platz.

Der Himmel ist bewölkt. Neben dem Tor der Moscheeschule lieben sich zwei Katzen. Eine Taube lässt sich im Innenhof nieder. Sperlinge fliegen in ein Kaffeehaus ein, hüpfen, spähen, was es so gibt. Der Blick eines Mulis, das vor der Messingschmiede auf eine neue Ladung wartet, wirkt traurig.

Und die Menschen? Wir weichen dem Blick eines Bettlers aus. Im blauen Plastiksack trägt ein alter Mann Grasbündel vorbei an Gürtelhändlern zur Medina, der Altstadt, vorbei am Kaffeehaus mit den Fremden. Im Kaffeehaus sitzt bei diesen Fremden ein einheimischer Alter und starrt durch die Passanten hindurch. In den Suqs, den kommerziellen Vierteln der Stadt, ist immer Betrieb.

Suqs von Fès.
Ein Muli, überladen
mit Colakisten.

Messingschmiede.
Starr der Blick
eines Mulis.

Aus dem Suq rollen
Handkarren.
Ein Schmetterling.

Im Kaffeehaus bestellen wir Minztee mit ganz viel Zucker. Beim Trinken fällt unser Blick auf ein Plakat: „Lächele du bist in Fes“, steht da in Deutsch und zwanzig anderen Sprachen. Wir lächeln tatsächlich.

Aus einem Eimer zwischen Ständen mit Lebensmitteln kriechen Schnecken, strecken ihre Fühler in die Freiheit – und werden zurück gefegt mit dem Besen, werden wieder zum Angebot auf dem Markt.

Lieferanten rollen Handwagen in die engen Gassen hinein. Handwerker arbeiten hinten, in der Tiefe ihres Geschäfts, während vorne verkauft wird.

Doch die kleiner gewordene Welt erfüllt die Erwartungen nicht mehr. Zwischen den Kulturen der Welt knirscht es. Ist das Folge der Wirtschaftsveränderungen im weltumspannenden Handel? Oder verschlechtert sich die Wirtschaft wegen der Politik? Die Touristen werden jedenfalls weniger. Und die wenigen kaufen weniger.

Ich erinnere den Film über einen Teppichhändler, der von einer Kamera begleitet durch Marokko zog, Teppiche einkaufen. Er handelte hart. Die Knüpferinnen, man sah es ihnen an, sie fühlten sich betrogen, die Preise fielen von Jahr zu Jahr. Was sollten sie tun? Trotzdem verkaufen. Es gab kein anderes Auskommen für sie.

Die Kamera verfolgte den Händler bis in die Stadt, wo er von seinen zahlreichen Frauen und unzähligen Kindern überschwänglich empfangen wurde. Und sie begleitete ihn in die Suqs – wo er die Teppiche nur mit Mühe losbekam, kaum über dem Einkaufspreis. Und manche gar nicht. Er hatte noch immer zu viel bezahlt.

Vielleicht singt der Kaufmann trotzdem ein Lied, wenn er vom Markt nach Hause zu seinen Frauen geht, auch wenn die Börse nicht so voll wie erhofft ist. Vielleicht presst er stumm die Lippen zusammen. Er ist trotzdem noch wohlhabend.

Aber was sagen die jungen Männer, die ohne Arbeit in den Gassen lungern? Was die Kinder, die distanzlos und aufdringlich geworden sind unter den Forderungen ihrer Familien, irgend etwas an die Fremden zu verkaufen?

Wir sind in den Suqs von Fès.

Fliegender Storch –
mit einem Zweig über die Mauer,
zum Königspalast.

Hoch über Fès.
In der alten Festung
weiden Schafe.

 

Aus: Volker Friebel (2019): Unterwegs durch Marokko. Texte und Bilder. Mit 64 (Schwarz-Weiß-)Fotos. Edition Blaue Felder, Tübingen; PapierBuch: 108 Seiten, 14,90 €, eBuch, epub-Format: 8,99 €. Das eBuch ist schon erhältlich, das gedruckte Buch kann über das Druckwerk bestellt werden (dort ist auch eine Vorschau möglich):

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