Von Pech und von Gold

Volker Friebel (2021): Von Pech und von Gold. Lieder. Audio-Album. Distributor: MusicHub. EAN: 0406494641031. Laufzeit: 41:24 Minuten.

1 An den Mühlen 9:55
2 Sternenlied 3:04
3 In den Himmeln 3:26
4 Sinken 4:07
5 Seligkeiten 2:27
6 Unten am Fluss 5:27
7 Es schneit Katzen 3:54
8 Sterne im Haar 2:31
9 Aus derselben Quelle 3:16
10 Wie das Gras wächst 3:12

Veröffentlicht: Do. 23.12.2021
Text und Musik aller Lieder: Volker Friebel

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An den Mühlen

An den Mühlen der Boden ist hart,
Antriebsriemen schnurren.
In die Trichter schaufeln sie Himmel
und die Erze der Berge.
Unten purzeln Bauklötze vor,
Waschmaschinen und Autos,
Reihenhäuser, Designerstühle,
Schmuckschatullen und Herzen,
Buddhafiguren und Sand,
der Sand des Lebens.
             Das Wasser des Lebens.

An den Mühlen flimmert die Luft,
Ventilatoren kühlen die Tränen
und Träume. Fremde strömen ins Land,
das Wunder zu verehren.
Die Arbeitsgruppe Wertschöpfung
stopft Herbstlaub in einen Trichter,
am anderen Ende klimpern Münzen heraus.
Wer rennt ihnen nach? Ich wähle die Nummer,
das Telefon klingelt, doch niemand ist da.
Da atmet doch wer.

An den Mühlen im wilden Bach
planschen Kinder und jauchzen.
Die Arbeitsgruppe Frühpädagogik
legt Spuren aus Keksen und Murmeln.
Diese Puppe kann weinen!
Ein Mädchen staunt. Das Lichtschwert
glüht und vibriert. Ein Wald wird gefällt
und neu errichtet, als Forst, als Park
für die Alten, barrierefrei.
Im Betonbecken wogt das Meer.

Weißt du noch, wie wir wanderten,
durch das Gebirge? Weißt du noch,
wie der Bach wirklich klang,
ohne Frequenzoptimierung?
Drüben streichen sie Zahnräder an,
rot die einen, die anderen blau.
Das Gänseblümchen staunt,
ein Farbspritzer läuft ihm am Stiel
hinab bis zum Boden, versickert
in den Spalten der Erde. Wohin?

An den Mühlen vergeht die Zeit,
die Sonnenuhr liegt immer im Schatten.
Der Strom der Männer ist spärlich geworden,
grau die Gesichter der Frauen.
Aus den Villen trippeln nun Gartenzwerge,
legen mit Hand an. Schneewittchen lacht.
Noch eine Runde Geisterbahn!
In der Sanduhr rieseln schon Blüten.
Das Gänseblümchen schlägt sein Gesicht auf,
in die Leere des Himmels.

Vor dem großen Schirm sitzt ein Mädchen,
bewegt die Regler und Tasten.
Rosen erblühen und Ranken wuchern
aus dem Bild in die Wirklichkeit.
Ein Kuckuck ruft, der Junge rennt in den Raum,
befreit die Süße aus den Dornen.
Hand in Hand gehen sie hinein in den Schirm.
Hecken überwuchern das Schloss.
Ein weißes Segelboot legt noch ab,
nimmt Kurs auf den Horizont.

Sternenlied

Schließ die Augen, Liebste,
die Nacht streicht um das Haus.
Ich spiel ein altes Sternenlied.
Wir wollen tanzen.

Schließ die Augen, Liebste
und horch in dich hinein.
Die Grillen zirpen um das Haus.
Wir wollen leben.

Fern stampft noch der Mühlen Takt
durch die Nacht, doch aus dem Mond
tropft süßer Honig, Bienen fliegen
und unser Atem füllt die Welt.

Schließ die Augen, Liebste,
und horch in dich hinein,
bis in dir alle Sterne klingen.
Wir wollen leben.

In den Himmeln

Hast du im ersten Himmel
die Schuhe verloren?
Hast du im zweiten Himmel
die Beine verloren?
Hast du im dritten Himmel
die Arme verloren?
Hast du im vierten Himmel
die Ohren verloren?
Hast du im fünften Himmel
die Augen verloren?
Hast du im sechsten Himmel
die Zunge verloren?
Hast du im siebten Himmel
dein Herz verloren?
Hast du im siebten Himmel
dein Herz gefunden?

Sinken

Sinken, sinken, auf den Grund dieser Welt.
Da sind Kiesel am Fluss, da sind Kinder,
die sie über das Wasser schnellen.
Da sind versteinerte Vögel,
tief geborgen im Fels. Da sind Tränen in den Augen
von Liebenden. Da ist die Menge,
aufgewühlt wie das Meer im Sturm.

Sinken, sinken, auf den Grund dieser Welt.
Da sind rote Rosen, das Lied einer Nachtigall,
Da sind Flüche, von einem verzerrten Gesicht
in das andere. Da sind Blütenblätter im Wind.
Da ist ein Stoppelfeld, die Maus läuft zwischen
der Spreu hin und her. Da ist die Stille,
tief in der Nacht vor dem ersten Ton.

Sinken, sinken, auf den Grund dieser Welt.
Da sind die Wellenkreise von ersten Tropfen im See.
Da sind die geöffneten Kelche der Seerosen.
Da ist ein Schwert, geholt von einer zittrigen Hand
aus der Vitrine, gehoben ins künstliche Licht.
Da sind die Seelen der Menschen, einzeln, umflossen
von Pech und von Gold.

Seligkeiten

Seligkeiten unterm Berliner Diktat:
Ein Schokoladeherz,
ein Herz aus Stahl,
ein Herz umwickelt mit Stacheldraht,
ein nachhaltiges Herz, bio-zertifiziert,
ein geschlechtsgerechtes Herz,
das Herz eines Bären,
das Herz eines Schmetterlings.

Seligkeiten unterm Berliner Diktat:
Eine Seifenblase im Reichstag,
zwei Seifenblasen im Park,
drei Seifenblasen virtuell auf dem Schirm,
vier Seifenblasen im Brandschutzmaßnahmen-Katalog,
eine Seifenblase mit vermindertem Steuersatz,
zwei Seifenblasen beim Tanz mit dem Bären,
vier Seifenblasen beim Tanz mit dem Schmetterling.

Seligkeiten unterm Berliner Diktat.

Unten am Fluss

Mein Herz sieht die Steppe,
einen toten Baum in der Weite,
einen zerfallenen Tempel.

Wir schießen Schwäne unten am Fluss,
braten sie über dem Feuer
und singen Lieder aus alter Zeit,
als wir selbst flogen.
Von der Stadt her, fern, das Stampfen
der Mühlen. Wärst du nicht auch gern hier?
Fett tropft ins Feuer, verzischt.
Am Wiesenrand die Kästen der Bienen
stieß jemand um.
Im Wald streuen Wölfe.

Mein Herz sieht die Steppe,
einen toten Baum in der Weite,
einen zerfallenen Tempel.

Wir haben uns im Morgendämmern geküsst,
inmitten verblassender Sterne,
die Sonne stieg schnell.
Wir bliesen Pusteblumen, hinein in das Blau.
Nun heulen Wölfe im Wald.
Wieder zischt Fett.Ein Schiff fährt vorbei, die Ruderer singen
im Takt dumpfer Trommeln.
Wir sehen uns an.
Das andere Ufer ist fern.

Mein Herz sieht die Steppe,
einen toten Baum in der Weite,
einen zerfallenen Tempel.

Es schneit Katzen

Es schneit Ahornblätter,
es schneit Katzen,
es schneit reinen Schnee.
Wir starren ins unergründliche Licht.

Es schneit Engelszungen,
es schneit Federn,
es schneit geflügelten Klee.
Wir glucksen ins unergründliche Licht.

Es schneit Silbermünzen,
es schneit Zepter,
es schneit Elfenbein.
Wir gähnen ins unergründliche Licht.

Es schneit Kaffeetassen,
es schneit Küsse,
es schneit dummes Glück.
Wir feixen ins unergründliche Licht.

Lass uns tanzen, am Wolkenberg.
Die Flur ist weit, Sterne
strömen durch uns.
Wir tanzen ins unergründliche Licht.

Es schneit Schlehenblüten,
es schneit Verse,
es schneit Scherben von Glas.
Wir fallen ins unergründliche Licht.

Sterne im Haar

Sterne im Haar,
von Liebe pfeift der Vogel im Garten.
Die Nacht ist klar,
du lächelst und willst nicht mehr warten.

Komm, tanz doch mit,
im duftenden Gras. Du schlägst die Flügel.
Ein goldener Ritt …
Dann löst du dem Einhorn die Zügel.

Atemlos gehen,
weich ist die Erde, still und schwer.
Und da wehen
Winde schon Schneeflocken her.

Jahreszeitlich angepasst die letzte Zeile:
Frühling: Winde schon Kirschblüten her.
Sommer: Winde schon Weidenflaum her.
Herbst: Winde schon Herbstblätter her.
Winter: Winde schon Schneeflocken her.

Aus derselben Quelle

Aus derselben Quelle
strömt Glück und strömt Leid.
Eine der Glocken, die den Morgen durchtönen,
möchte ich sein.
Die Hammerschläge spür ich
schon immer in mir.
Es ist mein Herz.

Der Vogel hat sein Lied
schon beendet. Regen beginnt.
Hörst du die Spieluhr?
Wir sind alleine im weiten Raum
dieser Erde. Einsame Felsen
in der Brandung des Meeres. Fische
sehen uns an.

Aus derselben Quelle
strömt Glück und strömt Leid.

Wie das Gras wächst

Wie das Gras wächst.
Wie ein Schmetterling seine Flügel
der Sonne zeigt.
Wie Elfen tanzen, am See.
Oder sind es die Schatten der Bäume,
der träumenden Riesen?

Wie das Gras wächst.
Wie die Liebste lächelt,
durch Regen, durch Schnee.
Wie alles einfach so ist.
Das strömende Blut lässt mich lallen
vor Glück.

Wie das Gras wächst.
Wie die Sterne immer
die Erde erreichen – und mich.
Wie der Schmetterling
durch einen Sonnenstrahl fliegt,
in den Schnabel der Amsel.

Wie das Gras wächst.
Wie der Mond meine Träume
immer durchdringt.
Wie alles einfach so ist.
Das strömende Blut lässt mich lallen
vor Glück.

 


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