Dr. Volker Friebel
Der Effekt
Der Verfügbarkeitsfehler (Availability Heuristic oder Availability Bias) ist eine mentale Abkürzung, die wir täglich viele Male durchführen, die uns Zeit und Energie spart – aber zu einer verzerrten Wahrnehmung und falschen Urteilen und Entscheidungen führen kann.
Gemeint ist mit diesem Begriff unsere Tendenz, die Wahrscheinlichkeit (und Häufigkeit) eines Ereignisses danach zu beurteilen, wie schnell wir Beispiele für es erinnern, wie fest verankert es in unserem Gedächtnis ist. Unser Gedächtnis aber nimmt Erinnerungen besonders auf, wenn sie uns emotional berühren. Und wenn sie von Menschen unserer Umgebung oder in den Medien emotional berührt berichtet werden.
Ein bekanntes Beispiel sind Terroranschläge. Wenn in den Medien von einem aktuellen Anschlag berichtet wird, und das erscheint immer sehr prominent, bleiben wir lieber Zuhause. Wir tun damit tatsächlich etwas für unsere Sicherheit, denn wir setzen uns nicht dem Straßenverkehr aus, der jedes Jahr weit mehr Opfer fordert (in Deutschland meist weniger als 10 Todesopfer durch Terroranschläge, etwa 350-400 durch „normale“ Morde und knapp 3.000 Todesopfer im Straßenverkehr). Allerdings bringt uns auch unser Zuhause-Bleiben in Gefahr, sogar in eine noch größere, denn durch häusliche Unfälle sterben in Deutschland etwa 9.000 Menschen im Jahr.
Der Verfügbarkeitsfehler lässt uns Gefahren völlig anders einschätzen, als die nackten Zahlen sagen. Er verursacht uns nach einem Anschlag ein ungutes Gefühl auf dem Weihnachtsmarkt oder auf einem Volksfest, aber das Gefühl von Sicherheit in unserer Wohnung. Das geht jedem so, natürlich auch mir.
Was für Faktoren verstärken den Verfügbarkeitsfehler? Ereignisse, die aus dem Rahmen fallen und dramatisch sind (Flugzeugabstürze, Angriffe wilder Tiere, Anschläge, Vergiftungen), sowie deren Aktualität und die Stärke und Emotionalität ihre Präsenz in den Medien. Auch wenn eigene Erfahrungen oder die von engen Bekannten vorliegen, überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von seltenen, aber dramatischen Ereignissen oft grotesk, während wir viel häufigere, aber weniger spektakuläre Ereignisse unterschätzen.
Wissenschaftlich beschrieben wurde der Verfügbarkeitsfehler erstmals in den 1970er Jahren durch die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman. Kahneman ordnete später den Verfügbarkeitsfehler in seinem Konzept der zwei Denkweisen dem schnellen, intuitiven Denken zu, dem das langsame, analytische Denken gegenübersteht. Die meisten Menschen sind stolz auf ihre Intuition. In manchen Aspekten zu Recht, in anderen allerdings schadet sie uns, denn zu ihr gehört unter anderen kognitiven Abkürzungen eben der Verfügbarkeitsfehler.
Weitere Beispiele
Wenn der Verfügbarkeitsfehler kräftig mitreden möchte: Ein Bekannter erkrankt an einer seltenen Krankheit oder in den Medien lesen wir einen Bericht über diese Krankheit: Sofort steigt unsere Besorgnis um die eigene Gesundheit und wir nehmen womöglich Symptome bei uns wahr.
Wenn es um Investitionen geht, neigen wir dazu, in Unternehmen unser Geld anzulegen, die in den Medien gerade besonders präsent sind, gerade hochgejubelt werden.
Bei der Gesamtbeurteilung einer Person verzerrt der Fehler unser Urteil danach, ob wir kürzlich eine gute oder eine schlechte Erfahrung mit ihr gemacht haben.
Unsere Entscheidungen bei politischen Wahlen sind stark davon abhängig, welche Themen gerade durch die Medien gehen, und das sind vor allem stark emotional berührende Themen, wie eben Terroranschläge oder Kriege (wie alles um Sicherheit). Andere, für unser Leben und die Entwicklung der Gesellschaft nicht minder wichtige Themen wie Infrastruktur, Wohnungsbau, Verschuldung, Umgang mit der Natur, Probleme der Schulen und Kindergärten, werden weit weniger stark gewichtet, weil sie weniger spektakulär erscheinen.
Medienberichte erzeugen mit dem Verfügbarkeitsfehler vereint einen Druck, der sogar zu Gesetzen führt, die, wenn die Aufregung abgeklungen ist, weit überzogen oder ganz überflüssig erscheinen.
Vor- und Nachteil
Dem Vorteil, den dieser Denkfehler mit manchem anderen gemein hat, nämlich schnell und klar zu entscheiden, also Zeit und Energie beim Denken einzusparen, steht der Nachteil gegenüber, dass wir Risiken oft grotesk falsch einschätzen, das wir spektakuläre Risiken weit überschätzen, die Gefahren, die der Alltag für uns bereithält, dagegen gefährlich unterschätzen.
Umgang mit dem Verfügbarkeitsfehler
Der Verfügbarkeitsfehler steckt in uns allen, er führt zu schnellen Urteilen und Entscheidungen. Wir können ihm entgegenwirken, indem wir das analytische Denken bemühen, das langsamer, aber genauer arbeitet. Dies sollte vor allem geschehen, wenn es wichtig ist und wenn andere Menschen betroffen sind. Was für objektiven Daten habe ich zur Verfügung? Wie sehen die im Vergleich aus, etwa wie oben im Vergleich der Wahrscheinlichkeit durch Terroranschläge oder Unfälle ums Leben zu kommen oder der Wahrscheinlichkeit, an einer bestimmten Erkrankung zu sterben? Natürlich möchte ich auch nicht an einer eigentlich seltenen Krankheit oder durch einen noch selteneren Terroranschlag ums Leben kommen, sondern möglichst gar nicht. Aber das erreiche ich am ehesten, wenn ich realistische Wahrscheinlichkeiten wahrnehme und mich an denen orientiere. Weniger die lebhafte Erinnerung als das Wissen um die objektiven Gegebenheiten sollten und können uns leiten.
Zur Übersicht Kognitive Verzerrungen