Dr. Volker Friebel
Der Fehler
Wir tendieren dazu, Schäden durch aktives Tun moralisch schwerer zu bewerten als gleich große Schäden durch Unterlassen. Jemandem, der aktiv handelt, wird eher eine schädliche Absicht unterstellt als einem, der „nur“ zusieht. Deshalb neigen wir auch dazu, in Entscheidungssituationen das Risiko des Handelns überzubewerten und entscheiden uns tendenziell eher dazu, nicht zu handeln.
Wissenschaftlich untersucht wurde das Phänomen erstmals in den frühen 1990er Jahren durch mehrere Arbeitsgruppen der psychologischen Entscheidungsforschung. Mark Spranca, Elaine Minsk und Jonathan Baron (1991) etwa demonstrierten den kognitiven Fehler in ihrer Arbeit durch alltägliche Szenerien. So stellen sie ihren Versuchsteilnehmern folgende Situation vor: Zwei Tennisspieler, Tom und John, rivalisieren miteinander. Tom weiß, dass John vor einem wichtigen Spiel ein neues Sportgetränk ausprobiert und glaubt, dass John darauf allergisch reagieren wird. Die Versuchsteilnehmer sollten nun die moralische Verwerflichkeit bewerten, wenn Tom nichts tut und wenn er John aktiv rät, das Getränk zu trinken. Sie bewerteten das aktive Handeln („Trink es!“) als moralisch verwerflicher – obwohl sowohl Handeln als auch Unterlassen zum selben Ergebnis führten.
Der Unterlassungsfehler ist eng verwandt mit dem Status-Quo-Fehler. Der Unterlassungsfehler beschreibt die Bewertung der Handlung (Tun oder Nichttun), der Status-Quo-Fehler die Vorliebe dafür, dass alles so bleibt, wie es ist.
Alltagsbeispiele für den Unterlassungsfehler
Unterlassene Hilfeleistung: Aktiv anderen Menschen Schaden zuzufügen, gilt vielen Menschen als schwerwiegender, als denselben Schaden durch Unterlassen (etwa nicht warnen oder nicht helfen) geschehen zu lassen. In Deutschland ist unterlassene Hilfeleistung allerdings eine Straftat.
Beziehungs- oder Arbeitswechsel: Menschen bleiben Jahre in unbefriedigenden Beschäftigungsverhältnissen oder Beziehungen, weil der aktive Schritt einer Veränderung mit Schuld und Angst verbunden wird, das Aufrechterhalten des Schlechten dagegen weniger.
Impfen: Impfen wird aus Angst vor Nebenwirkungen vermieden, das deutlich höhere Risiko, wegen dieser Unterlassung zu erkranken, wird emotional als weniger bedrohlich empfunden.
Innovationszurückhaltung: Verantwortliche in Firmen zögern oft mit neuen Produkten oder Strategien und bleiben beim Gewohnten. Denn sie fürchten, dass das Scheitern einer Aktion ihnen persönlich angelastet wird, ein allmählicher Niedergang aufgrund von Nichthandeln aber weniger.
Politik: Viele Probleme müssten dringend aktiv und grundlegend angegangen werden (etwa Rente und Gesundheitssystem). Das unterbleibt aber oder wird nur halbherzig vorangetrieben, da Entscheidungsträger, die Reformen anstoßen, bei auftretenden Problemen für diese persönlich verantwortlich gemacht wird, bei Nichthandeln aber weit weniger.
Vor- und Nachteile der Verzerrung
Der Unterlassungsfehler bringt auch Vorteile. Die Welt ist groß und komplex. Sie ruft uns ständig zum Handeln auf. Die Bevorzugung des Unterlassens ist daher fast lebensnotwendig; wir würden sonst zu Getriebenen, die sich für alles und jedes verantwortlich fühlen. Abwarten zu bevorzugen, schützt vor Schäden durch impulsives Handeln.
Die Nachteile des Unterlassungsfehlers können allerdings gravierend sein. Aus Angst vor aktiv verursachtem Schaden nehmen wir noch größere Schäden durch Unterlassen in Kauf, ohne dass uns das auch nur bewusst wird. Gesellschaftlich führt das zu Reformstau und Innovationshemmung.
Umgang mit dem Unterlassungsfehler
Das Bewusstsein für den Fehler ist der wichtigste Schritt. Wenn wir den Unterlassungsfehler kennen, können wir in Entscheidungssituationen prüfen, ob er eine Rolle spielt. Wenn ja, können wir ihn berücksichtigen und die Chance, doch lieber aktiv zu handeln, etwas erhöhen. „Nichts tun“ sollte eine eigene Möglichkeit bei der Entscheidungsfindung sein – am besten aber umformuliert in: „Ich entscheide mich, das Risiko einzugehen, nichts zu tun.“
Bei manchen Entscheidungen können wir uns fragen: „Würde ich genauso entscheiden, wenn ich für die Folgen von Nichthandeln genauso verantwortlich gemacht werde wie für die Folgen von Handeln?“
Manchmal kann es zu einer rationaleren Entscheidung beitragen, wenn Chancen und Risiken sowohl von Handeln als auch von Nichthandeln möglichst konkret gegeneinander gestellt werden.
Besonders in Verantwortungspositionen von Wirtschaft und Politik muss der Fehler bewusst institutionell ausgeglichen werden.
Insgesamt sollten wir uns immer klar machen: Auch Nichthandeln ist ein Handeln, mit Chancen und Risiken, die genauso schwerwiegende oder gar verheerendere Folgen haben können.
Und wir sollten bedenken: Kurzfristig bereuen Menschen zwar eher eine Handlung, die schiefgegangen ist. Langfristig jedoch bereuen Menschen viel stärker die Dinge, die sie nicht getan, die sie unterlassen haben.
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