Dr. Volker Friebel
Im Folgenden finden Sie zehn Übungen zur Stärkung des Erlebens von Sinn, vom Gefühl, Teil eines Größeren zu sein. Das entspricht Säule 4 des PERMA-Modells von Martin Seligman. Die Übungen können unabhängig voneinander verwendet werden.
1. Warum mache ich das: Überlegen Sie täglich, vielleicht vor Ihrem Tageskalender oder der Zusammenstellung der Aufgaben des Tages, weshalb Sie diese Aufgaben im Hinblick auf Ihren Lebenssinn ausführen. „Wem hilft diese Aufgabe?“, „Welchen Wert fördere oder schütze ich mit ihrer Erledigung?“ Das kann alltägliche und gewöhnliche Tätigkeiten spürbar aufwerten. „Ich muss einkaufen – das dient der Ernährung und dem Wohlbefinden meiner Familie.“ „Ich muss auf die Bank – das dient unserer Sicherheit und der Erweiterung unseres Handlungsspielraums.“
2. Meine Stärken sinnbezogen einsetzen: Welches sind Ihre fünf größten Charakterstärken? Führen Sie eine Woche lang täglich eine Handlung aus, in der Sie eine dieser Stärken einsetzen, um jemand anderem (einem Menschen oder einer sinnhaften Organisation) uneigennützig zu helfen.
3. Drei Sinnmomente: Schauen Sie eine Woche lang jeden Abend auf drei Momente zurück, die sich an diesem Tag sinnhaft und bedeutungsvoll anfühlten. Das kann ein bedeutungsvolles Gespräch sein oder wie Sie sich für jemanden eingesetzt haben, es kann, aber muss nicht unbedingt mit Glück verbunden sein.
4. Mein Netzwerk des Sinns: Tragen Sie auf einem Blatt in der Mitte Ihren Namen ein, umranden Sie ihn und schreiben Sie um sich herum entsprechend umrandet die Namen der Menschen und Gruppen, denen Sie sich verbunden fühlen. Das können einzelne Menschen sein, Gruppen, Gemeinschaften, Parteien, Religionen, einfach alles, was für Sie Ihr Großes Ganzes ausmacht. Verbinden Sie nun diese Namen mit Strichen mit dem Ihren.
5. Meine wichtigsten Werte: Welche Werte sind für Sie besonders wichtig, unverzichtbar? Schreiben Sie auf, welchen dieser Werte Sie in der vergangenen Woche gelebt oder gegen Angriffe verteidigt haben.
6. Prosoziale Ausgabe: Geben Sie etwas Geld, das Sie sonst für einen Kaffee oder ein kleines Frühstück verwenden würden, für eine andere Person oder eine Organisation oder einen speziellen guten Zweck aus. Achten Sie darauf, wie sich das anfühlt. Verstärkt es Ihr Erleben für Sinn, etwas zum Wohl anderer oder der Gemeinschaft zu tun? Wie ist der Unterschied im Vergleich zum eigenen Konsum, zum verzichteten Kaffee oder Frühstück?
7. Staunen im Alltag: Unternehmen Sie einen kleinen Spaziergang in Ihrer häuslichen Umgebung und achten Sie auf alltägliche und einfache Dinge. Blumen blühen aus Ritzen. Das Summen einer Biene. Die interessante Bauweise eines Hauses. Der Himmel und die ziehenden Wolken. Lassen Sie sich vom Alltäglichen Ihrer Umgebung in Staunen versetzen. Achten Sie darauf, wie die Veränderung Ihrer Schritte die Dinge verändert, wie die Dinge interessanter werden, sobald Sie langsamer gehen. Beobachten Sie, wie die Welt sich bei allen Einzelheiten als ein Ganzes zu zeigen beginnt, mit Ihnen selbst in der Mitte.
8. Berufung: Überlegen Sie, wie sich Ihre Tätigkeiten auf die drei Kategorien Beruf (Lebensunterhalt), Karriere (Status) und Berufung (Sinn) verteilen. Besteht da ein Gleichgewicht? Besteht ein ungünstiges Ungleichgewicht? Überlegen Sie, wie Sie Ihre aktuelle Tätigkeit in Richtung „Berufung“ (Sinn) verändern können.
9. Aufgaben für andere: Überlegen Sie sich kleine Aufgaben für bestimmte andere Menschen oder für die Gemeinschaft, deren Ergebnis sofort zu sehen ist. Führen Sie hin und wieder eine solche Aufgabe durch, um den abstrakten „Sinn“ konkret werden und in Ihrem Leben erscheinen zu lassen.
10. Der Nachruf: Schreiben Sie einen Nachruf auf sich selbst, wie er nach Ihrem Tod erscheinen könnte. Achten Sie dabei weniger auf das, was Sie an Gütern und Status erreicht haben, sondern wie Sie das Leben anderer Menschen beeinflusst haben, wofür die Gemeinschaft sich später an Sie erinnern könnte.
Sinn – das zeigt der Tenor dieser Übungen deutlich – ist nichts an sich Gegebenes oder Statisches, Sinn entspringt einer Beziehung. Das kann in dem Rahmen sein, in dem wir alle leben, dem Rahmen sozialer Beziehungen. Es kann auch außerhalb sozialer Beziehungen bestehen, zu Werten, einer Weltanschauung, der Natur, der Kunst, der Religion. Solche Beziehungen stärken, heißt das Erleben von Sinn stärken.
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