Dr. Volker Friebel
Der Effekt
Die US-amerikanischen Sozialpsychologen John T. Jost und Mahzarin R. Banaji entwickelten die System-Justifizierungs-Theorie (SJT, 1994), hier einfach System-Effekt genannt. Danach gibt es eine psychologische Neigung, das System, in dem wir leben, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch als legitim, gerecht und auch wünschenswert zu rechtfertigen und selbst bei offensichtlichen Problemen zu verteidigen. Diese Neigung bestehe auch dann, wenn eben dieses System für einen selbst oder die eigene Bezugsgruppe nachteilig ist.
Neben dem Schutz des Selbstwertgefühls („Ich bin wichtig, ich bin gut“) und dem Schutz des Gruppenwertes („Die Gruppe, zu der ich gehöre, ist wichtig und gut“) gebe es also noch eine Erweiterung, die den Schutz des Systems, in dem wir leben, betrifft, eine Neigung zu denken: Dieses System ist gut, gerecht, wünschenswert.
Ursache
Ursache dieser Neigung sei 1. unser Bedürfnis nach Stabilität, Ordnung, Vorhersagbarkeit. 2. Die Reduzierung von Unsicherheit und Angst durch positive Setzung eines Systems, dem wir uns nicht entziehen können und das unser Leben bestimmt. 3. Das gute Gefühl, mit anderen übereinzustimmen, vor allem mit mächtigen anderen, den Repräsentanten dieses Systems, und durch diese Übereinstimmung von anderen, Mächtigen, anerkannt und akzeptiert zu werden.
Beispiele
Persönlich: Ein benachteiligter Mensch in prekärem Beschäftigungsverhältnis ist gegen eine höhere Vermögenssteuer oder Gewerkschaften.
Die Psychologie dahinter: Das System ist gerecht. Ich persönlich muss mich mehr anstrengen. Anstrengen kann ich mich nämlich. Aber wenn das System ungerecht ist, nützt mir meine Anstrengung nichts, ich bin ihm dann ausgeliefert und hilflos.
Wirtschaftlich: Nach Finanz- oder Wirtschaftskrisen lehnen überraschend viele Menschen schnelle und weitgehende Veränderungen des Systems ab.
Die Psychologie dahinter: Es ist einfacher, Probleme auf besondere Situationen oder individuelles falsches Verhalten (schwarze Schafe) zurückzuführen, als das System zu ändern, was unabsehbare Folgen haben könnte, die unsicher machen und Angst hervorrufen. Das Problem einzelner schwarzer Schafe ist ein uns dagegen sehr bekanntes, das weniger ängstigt.
Politisch: Im etablierten Westen werden Probleme des Regierungssystems (Bürokratie, Korruption, Klüngelei, mangelnde echte Konkurrenz, Kontrolle der Medien) als einzelne angehbare Probleme gesehen, die die Zustimmung zum ganzen nicht beeinträchtigen dürfen. Andere Regierungssysteme werden dagegen ins Ganzes und pauschal als ineffektiv und bösartig angesehen, selbst wenn offenkundig ist, dass sie gute Seiten haben und in manchen Bereichen bessere Resultate erzielen. Dasselbe Problem wird im Westen als Einzelfall bewertet, tritt es anderswo auf aber als Einwand gegen das andere System.
Die Psychologie dahinter: Ein im Grunde intaktes System bei sich zu sehen, bringt Sicherheit. Andere Systeme abzuwerten, vertieft diese noch.
Nähere Ausführung
Wie kommt diese Tendenz zur Rechtfertigung des Systems in uns zur Wirkung?
1. Durch Rechtfertigung von Ungleichheit. Gerade Personen in sozial schwachen Gruppen neigen dazu, grundsätzlich an eine gerechte Welt zu glauben und soziale Unterschiede zwischen den Menschen besonders auf individuelle Faktoren (Begabung, Anstrengung) statt auf systemische Mängel zurückzuführen. Das ist weniger ängstigend und verunsichernd, auch wenn man selbst zu den Leidtragenden gehört.
2. Wir neigen zur Rechtfertigung und Stabilisierung des Systems auch zu Gruppenstereotypen. Angehörige der Gruppe mit hohem Status werden als kompetent wahrgenommen („Eliten“), dabei aber auch als kälter und hartherziger beschrieben, Angehörige der Gruppe mit niederem Status als wenig kompetent („chaotisch“), dafür aber freundlicher und warmherziger. Beide Gruppen bzw. die Zugehörigkeit zu ihnen scheinen so gleichermaßen positiv und negativ zu sein, wer „reich“ ist, kann sich dadurch kompetent fühlen, wer „arm“ ist im Ausgleich dazu warmherziger.
3. Abwertung von Alternativen. Sozialer Wandel wird infolge dieser Tendenz von allen sozialen Gruppen eher abgelehnt, Alternativen zum herrschenden System eher geleugnet oder abgelehnt, indem vor allem deren Probleme, nicht dagegen deren Vorzüge gesehen werden. Gefahren oder Bedrohungen, die dazu führen müssten, das System zu verändern, werden eher geleugnet oder kleingeredet (etwa der Klimawandel gehört dazu oder die Gefahr eines Weltkriegs). Das Leugnen der Gefahr erlaubt, am bekannten System festzuhalten.
Kommentar
Diese Neigung in uns spielt die segensreiche Rolle einer Stabilisierung von Gesellschaft. Ohne Gesellschaft gibt es kein menschliches Leben, eine stabile Gesellschaft ist für ein gesundes Leben unverzichtbar.
Diese Tendenz hat aber auch Nachteile. Sie funktioniert unabhängig von der Qualität der Gesellschaft, sie unterstützt sowohl die „gute“ als auch jede offensichtlich reformbedürftige Gesellschaft. Hintergrund könnte sein, dass eine schlechte Gesellschaft immer noch besser als gar keine wahrgenommen wird. Und dass auch eine schlechte Gesellschaft, wenn sie zu wenig unterstützt wird, noch schlechter werden kann (das Problem des „kleineren Übels“). Und so führt diese Tendenz in uns eben auch zur Unterstützung von höchst zweifelhaften bis verbrecherischen Gesellschaften. Und sie führt dazu, dass selbst Gesellschaften, deren Probleme nicht mehr ignoriert werden können, überlange Bestand haben und dann oft nur durch einen großen und gewaltsamen Kraftakt (Revolution) statt sanfter durch Reformen überwunden werden können.
Weiter zu bedenken: Diese Tendenz besteht für die Gesellschaft (politisch, wirtschaftlich, sozial), in der wir leben, nicht für andere Gesellschaften in anderen Staaten und politischen Systemen. Im Gegenteil werden diese durch diesen Effekt abgewertet und Unterschiede so künstlich verstärkt. Das fördert aber eher eine konfrontative als eine partnerschaftliche Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Welt, in der wir leben.
Hinweis
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem System-Effekt und dem Attributionsfehler (Zuschreibung von Ergebnissen auf innere Ursachen, Vernachlässigung äußerer Ursachen), denn letzterer dient oft dazu, die Rechtfertigung des Systems aufrechtzuerhalten. Der Attributionsfehler personalisiert Systemprobleme, so bleibt das System selbst über jede Kritik erhaben.
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