Dr. Volker Friebel
Das Phänomen
Selektive Wahrnehmung beschreibt das Phänomen, dass wir nicht alles, was uns erreicht, gleichermaßen wahrnehmen, sondern dass wir bereits auf Wahrnehmungsebene, bevor das Bewusstsein einsetzt, filtern: Wir heben manches hervor und blenden das meiste aus.
Welche Sinnesreize in unser Bewusstsein gelangen, ist von einer Vielzahl von Einflüssen abhängig, so von unseren Erwartungen, früheren Erfahrungen, Zielen, Einstellungen und aktuellen Gefühlen. Nur was diese Filter passiert, wird bewusst wahrgenommen.
Wenn wir beispielsweise jemanden Interessantes kennengelernt haben, sehen wir mehr Autos mit dem Kennzeichen dieser Person. Die waren vorher auch schon da, nur jetzt filtert unsere Wahrnehmung sie unbewusst heraus.
Bei diesem Phänomen handelt es sich eigentlich nicht um einen „Fehler“, sondern um die Notwendigkeit, aus der unermesslichen Flut an Informationen, die uns unablässig erreichen, für unsere begrenzte Informationsverarbeitung das auszuwählen, was „passt“ und was wir verarbeiten können.
Weitere Beispiele
Bei mehreren parallel geführten Gesprächen an unserem Tisch im Lokal können wir uns in der Regel gut auf unser eigenes Gespräch konzentrieren und alles andere zu einem Rauschen ausblenden. Wenn in einer anderen Unterhaltung aber unser Name fällt, blenden wir dieses Gespräch automatisch ein.
In der Wirtschaft werden bereits bei der Erfassung von Rückmeldungen positive Rückmeldungen von Kunden in der Regel stärker gewichtet und beachtet – insbesondere wenn die für Rückmeldungen zuständigen Menschen von den Produkten selbst überzeugt sind. Negative Bewertungen, auch konstruktive Kritik, werden dagegen eher abgetan und ignoriert.
Anhänger verschiedener Parteien, Religionen, Weltanschauungen können dasselbe Ereignis, auch etwa dieselbe Rede eines Menschen, völlig unterschiedlich wahrnehmen, je nach Weltbild auch verschiedene Passagen daraus besonders deutlich wahrnehmen oder ausblenden.
Das führt dazu, dass wir uns, wenn wir die Wahl haben, unsere Informationsquelle, seien es Zeitungen, Zeitschriften oder andere Medien danach aussuchen, ob das, was wir dort erwarten, voraussichtlich in unser Weltbild passt oder nicht.
Vor- und Nachteile der selektiven Wahrnehmung
Ohne den Schutzmechanismus „selektive Wahrnehmung“ hätten wir Schwierigkeiten, überhaupt etwas wahrzunehmen und in der Flut, die auf uns einstürmt, sinnvolle Muster zu entdecken. Wir lebten beständig im Zustand der Reizüberflutung.
Denn die Wahrnehmungs-, vor allem aber die Verarbeitungskapazität unseres Gehirns ist sehr begrenzt. Es ist für uns lebensnotwendig, zu filtern. Vor allem in komplexen und schnellen Situationen wären wir sonst handlungsunfähig.
Auch für unser psychisches Gleichgewicht ist es wichtig, Informationen zu filtern, um ein stabiles, sicheres Weltbild zu schaffen und aufrechtzuerhalten – selbst durch Ausblendung von manchen bedrohlichen Aspekten.
Und natürlich ist es wichtig, Informationen danach zu filtern, ob sie für uns überhaupt bedeutsam und für das Erreichen unserer Ziele nützlich sind. Ein hungriger Mensch in einer fremden Stadt wird beispielsweise verstärkt die vorhandenen Lokale wahrnehmen.
Aber was wir alles übersehen! Sehr eindrucksvoll zeigten das Daniel Simons und Christopher Chabris (1999) in ihrer Studie. Aufgabe für die Teilnehmer war es, in einem Video einer Gruppe von basketballspielenden Menschen zu zählen, wie oft der Ball von einer der beiden Mannschaften (kenntlich durch schwarzes oder weißes Hemd) zugespielt wurde. Anschließend wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie den Gorilla gesehen hätten. Denn während des Versuchs lief ein Mensch in Gorillakostüm durch die Gruppe der Ballspieler, blieb in der Mitte stehen, trommelte sich auf die Brust und verschwand. Der Effekt der selektiven Wahrnehmung war bei dieser konzentrationsfordernden Aufgabe so stark, dass fast die Hälfte der Teilnehmer den „Gorilla“ nicht etwa nur ignorierten, sondern bewusst überhaupt nicht wahrnahmen. Das ist ein Spezialfall der selektiven Wahrnehmung, die Unaufmerksamkeitsblindheit.
An diesem Versuch zeigen sich Licht und Schatten selektiver Wahrnehmung besonders stark: Sie hilft uns bei der Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe – aber sie lässt uns selbst überraschende Ereignisse übersehen.
So geht es uns ununterbrochen: Immer blenden wir bereits auf Wahrnehmungsebene einen großen Teil dessen aus, was uns an Informationen erreicht, vor allem, wenn besonders viele Informationen vorhanden sind und wenn unsere Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes gerichtet ist.
Selektive Wahrnehmung verstärkt außerdem bestehende Überzeugungen, auch bestehende Vor- und Fehlurteile.
Und führt, da unsere Überzeugungen, Vorerfahrungen, Ziele verschieden sind, zu Konflikten zwischen den Menschen und Gruppen, die nicht verstehen, warum der andere (immer der andere) die Realität nicht richtig sehen kann.
Wir alle können das nicht. Wir alle leben zum kleineren Teil in der objektiven Realität und zum größeren Teil in der subjektiven Welt unserer Weltbilder, Wünsche und Vorurteile.
Der Effekt der selektiven Wahrnehmung macht uns außerdem anfällig für Manipulationen. Denn der Effekt ist in Werbung und Politik bekannt, wird ausgenutzt und manchmal gezielt gesteuert. Was wir wahrnehmen sollen, wird besonders betont, weniger Erwünschtes dagegen durch einen monotonen, leisen Vortragsstil in der Mitte einer Rede (die wir weniger erinnern) unterbeleuchtet. Es muss gar nicht unerwähnt bleiben, das Übersehen erledigen wir bei guter Vorarbeit der Werbung oder der Politik selbst.
Umgang mit selektiver Wahrnehmung
Das wichtigste Rezept gegen selektive Wahrnehmung ist, sich ihrer bewusst zu werden und sich zu vergegenwärtigen, dass jede, auch die eigene Wahrnehmung, unvollständig und subjektiv gefärbt ist.
Bei wichtigen Dingen ist es deshalb günstig, sich aktiv zu fragen: Was habe ich übersehen? Wie würde jemand mit einem anderen Hintergrund als ich diese Sache sehen? Ich kann versuchen, eine Sache möglichst konkret mit den Augen von Personen anderer Weltanschauung zu sehen – auch wenn diese mir nicht gefällt.
Informationen sollten aktiv gesucht werden, mit der Frage „Was spricht dafür, was spricht dagegen?“ Sehr interessant und bereichernd kann es sein, gezielt nach Informationen zu suchen, die der eigenen Wahrnehmung und Überzeugung widersprechen.
Bei wichtigen Entscheidungen hilft es zur Reduzierung der selektiven Wahrnehmung, sich Zeit zu nehmen, da Zeitdruck selektive Wahrnehmung verstärkt. Und alles unter verschiedenen Perspektiven, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Wenn Manipulation nahe liegt, also immer wenn Werbung und Politik beteiligt sind, hilft auch die aktive Frage: Wird da etwas weggelassen oder über- oder unterbetont? Wie würde diese Nachricht unter einem anderen Blickwinkel aussehen?
Selektive Wahrnehmung abzuschaffen, ist also nicht nur unmöglich, sondern würde uns sogar schaden und uns womöglich lebensunfähig machen. Wir sollten uns allerdings über ihre Gefahren im Klaren sein und sie zumindest in wichtigen Situationen und Bereichen zu korrigieren versuchen.
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