Selbstmach-Effekt (IKEA-Effekt)

Dr. Volker Friebel

 

Der Effekt

Wir wertschätzen Arbeitsergebnisse höher, wenn wir selbst Mühe und Arbeit in sie gesteckt haben. Sogar ein Regal wird höher wertgeschätzt, wenn es selbst zusammengebaut werden müsste, als wenn es komplett und vollständig geliefert und von Handwerkern aufgebaut wurde.

Erklärt wird der Selbstmach-Effekt mit unserem Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit, das mit dem Hineingeben eigener Anstrengung besser als durch einen Kauf erfüllt wird. Und mit dem Prinzip der kognitiven Dissonanz: Etwas, in das ich so viel Arbeit gesteckt habe, muss auch viel wert sein, wenigstens für mich.

Erstmals umfassend beschrieben wurde der Effekt von den US-amerikanischen Verhaltensökonomen und Psychologen Michael I. Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely in einer Studie im Jahr 2011.

Weitere Beispiele

In allen Bereichen des Lebens finden wir eine Überfülle an Beispielen, die uns zeigen, wie wir schon mit kleinen Eigenleistungen mindestens subjektiv den Wert unserer Umgebung steigern können.

Beim Backen oder Kochen wird ein Ergebnis, bei dem wir zum Rezept etwas Eigenes hinzugefügt und nicht nur eine Anleitung abgearbeitet haben, von uns mehr geschätzt und mehr als unser eigenes betrachtet, auch wenn wir beides Mal selbst am Herd standen. Und natürlich wird das selbst zubereitete Essen mehr geschätzt als ein Fertiggericht aus der Dose.

Eigene Arbeiten haben für uns einen deutlich höheren Wert, als gekaufte Produkte, auch wenn diese objektiv betrachtet besser sein sollten.

Auch die Wirtschaft nutzt den Ikea-Effekt: Können wir ein Produkt teilweise selbst zusammenstellen oder konfigurieren (Auto, Computer), erhöht das unsere Zahlungsbereitschaft und emotionale Bindung. Auch etwa, wenn wir auf das Design (Wohnungsausbau) Einfluss nehmen können.

In der Wirtschaft erhöht die Beteiligung an Entscheidungsprozessen die Motivation der Mitarbeiter: Wenn ein Stück von mir selbst dabei ist, nicht nur als Erfüller, sondern auch als Gestalter, steigert das meine Wertschätzung und meine Motivation – also auch meine Arbeitsleistung.

In der Politik steigt die Akzeptanz von Veränderungen durch lokale Projekte, wenn die Menschen einbezogen werden, statt dass nur über sie und ihre Interessen von Politikern und Fachleuten entschieden wird.

Vor- und Nachteile

Die meisten kognitiven Verzerrungen und Denkfehler führen fast nur zu Nachteilen bei überschaubaren Vorteilen. Beim Selbstmach-Effekt ist das umgekehrt: Wertschätzung und Zufriedenheit werden erhöht, der Wert unserer Umgebung, auch unseres Arbeitsplatzes und sogar unserer Gesellschaft steigt, wenn wir selbst gestalterisch an ihnen beteiligt sind. Das ist gerade in anonymen Massengesellschaften äußerst wertvoll. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit und das Selbstwertgefühl steigen, was uns nicht nur zufriedener macht, sondern auch gesundheitlich günstige Auswirkungen haben kann. Die Bindung an unsere Umgebung steigt und gestaltet sich freundlicher.

Trotzdem sollten die Nachteile nicht übersehen werden: Der Wert von selbst Geschaffenem wird meist überschätzt. Und wir neigen durch den Selbstmach-Effekt dazu, die Arbeit von anderen zu wenig zu beachten und wertzuschätzen, auch manche Informationen (zur Qualität, zur Kosten-Nutzen-Analyse) gering zu schätzen, worunter unser Urteilsvermögen leidet. Auch Ideen von außen werden so eher abgelehnt. Und wenn die eigene Arbeit misslingt, ist die Frustration doppelt so hoch, jedenfalls deutlich höher, als wenn etwas misslingt, in dem wir nicht viel zu sagen hatten. Die autoren der Originalstudie stellten fest, dass Teilnehmende für selbst zusammengebaute IKEA-Boxen deutlich mehr zu bezahlen bereit waren, als diese objektiv wert waren, und mehr, als sie für identische, fertig montierte Boxen zahlen wollten. Falls wir unsere Arbeiten verkaufen möchten, besteht also die Gefahr, dass wir zu viel verlangen.

Umgang mit dem Selbstmach-Effekt

Der Selbstmach-Effekt ist im Grunde gut. Er bringt Farbe, ein positives Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit in die moderne Massengesellschaft. Seine negativen Aspekte sollten wir aber beachten und gegebenenfalls etwas gegen sie unternehmen.

Das können wir durch emotionale Distanzierung: Das Produkt betrachten, als stamme es nicht von uns selbst, sondern von einer anderen Person. Finden wir es dann noch immer gut? Selbst wenn wir dabei bleiben, es lieber selbst machen zu wollen, wird eine solche Betrachtungsweise uns zu einer realistischeren Sichtweise helfen – und damit unsere Produkte verbessern.

Kosten-Nutzen-Analyse: Steht der Aufwand in einem einigermaßen vernünftigen Verhältnis zum Nutzen?

Objektive Qualität: Gibt es objektive Kriterien, die mir helfen, Entscheidungen zu treffen, was ich vielleicht doch nicht selbst machen sollte – oder die mir helfen, meine Arbeit zu verbessern.

Wertschätzung anderer: Beim Vergleich der eigenen mit einer fremden Arbeit sollten wir nicht nur den Wert unserer eigenen Arbeit sehen, sondern auch den Wert der Arbeit anderer erkennen. Das wird letztlich auch der Qualität unserer eigenen Arbeit zugutekommen.

 

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