Dr. Volker Friebel
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Was ist Positive Psychologie?
Positive Psychologie ist die Frage, was ein gelingendes, erfülltes und sinnhaftes Leben ausmacht, wie sich psychisches Wohlbefinden fördern und aufrechterhalten lässt. Sie gilt als Psychologie nicht der Probleme und Störungen, sondern des gelingenden Lebens.
Beiträge zu einer Positiven Psychologie gab es schon immer. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg aber richtete sich die wissenschaftliche Psychologie auf Störungen und deren unmittelbare Behandlung aus. Als ein Grund wird die bevorzugte Finanzierung vor allem der Behandlung psychischer Probleme (Traumata) von Soldaten hervorgehoben.
Das änderte sich, als der sehr einflussreiche US-amerikanische Psychologe Martin Seligman als Präsident der American Psychological Association 1999 zu einem Umdenken aufrief. Psychologie sei kein Reparaturbetrieb, Wurzel der Psychologie sei ihr Bestreben, das Leben der Menschen erfüllter und produktiver zu machen. Die Heilung psychischer Krankheiten oder Probleme sei davon nur ein Teilbereich. Keine psychologische oder psychiatrische Diagnose zu haben, bedeute noch nicht ein gesundes und erfülltes Leben.
Seligman sprach die Vision eines „guten Lebens“ an, sie müsse empirisch fundiert, zugleich verständlich und attraktiv sein, es ging ihm um das Wohlbefinden des Individuums, um aufblühende Gemeinschaften und um eine gerechte Gesellschaft. Psychologie nicht nur als Studium von Pathologie, Schwäche und Schaden, sondern auch als Studium von Stärke und Tugend, nicht nur als Reparatur von dem, was kaputt ist, sondern das zu nähren, was gut in uns ist.
Positive Psychologie will entsprechend menschliche Stärken, positive Gefühle, Tugenden, Talente, Resilienz und Lebenszufriedenheit, die positiven Potenziale des Menschen, erforschen und fördern, mit und jenseits aller Störungen und Krankheitslehren.
Wohlbefinden: Das PERMA-Modell
Martin Seligman stellte 2011 das PERMA-Modell vor. Es wurde eines der einflussreichsten Konzepte der Positiven Psychologie. Ziel ist nicht einfach Hedonismus, sondern ein Aufblühen des Menschen und seiner Möglichkeiten. Das Modell postuliert fünf Säulen eines erfüllten Lebens:
1. Positive Gefühle: Positive Gefühle sollten vermehrt werden, in ihrer Vielfalt und Tiefe. Da sind Freude, Dankbarkeit, Hoffnung, Interesse, Liebe, Begeisterung, Stolz, Gelassenheit. So erweitern wir unser Verhaltens- und Erlebensspektrum und fördern Kreativität. Langfristig tragen wir damit auch zum Aufbau psychologischer Ressourcen wie Resilienz und unterstützenden sozialen Beziehungen bei.
2. Vertiefung: Diese zweite zu fördernde Säule bezieht sich auf das Konzept des „Flow“ (Fließen) von Mihaly Csikszentmihalyi und den Zustand von Vertiefung und starker Konzentration in einer Tätigkeit. Raum und Zeit vertiefen sich. Erleben und Handeln sind sich selbst genug und belohnen sich selbst.
3. Beziehungen: Unterstützende soziale Beziehungen (Familie, Freunde, Partner, Gemeinschaft) sind eine der wichtigsten Quellen für Glück, Resilienz und die Bewältigung von Krisen. Positive zwischenmenschliche Verbindungen sind für unser Leben und Wohlbefinden zentral. Für unsere Resilienz gelten sie als der wichtigste Faktor.
4. Sinn: Das Bewusstsein, einem höheren Zweck als sich selbst zu dienen und damit Teil einer Gemeinschaft zu sein, kann dem Leben Sinn geben, sei es in der Arbeit, der Familie, der Religion, karitativen Einrichtungen oder einer besonderen Gemeinschaft. Es führt zu einer Beschäftigung mit Werten und Zielen, es stiftet soziale Kontakte und bereichert so unser Leben.
5. Errungenschaften: Das Setzen von realistischen Zielen, die Arbeit an ihnen, ihre Erreichung, generell das Streben nach Kompetenz, Meisterschaft, Erfolg, fördert unsere Selbstwirksamkeitserwartung (den Glauben an unsere eigenen Fähigkeiten und dass sie etwas bewirken können) und unseren Optimismus. Das kann dem eigenen Leben Auftrieb geben, aus Nebel und Grauheit emporheben.
Das Modell bietet eine gute Orientierung. Diese verbessert sich noch, wenn wir die geäußerte Kritik am Modell berücksichtigen:
Das Modell basiert auf den westlichen, eher individualistischen Werten. In anderen Kulturen könnten Harmonie, soziale Verantwortung oder Selbstlosigkeit noch wichtiger sein.
Die körperliche Befindlichkeit fehlt im ursprünglichen Modell. Auch wenn das Modell sich mit unserer Psychologie beschäftigt, gehört Gesundheit und wie wir sie fördern können, zum Wohlbefinden dazu. Sie stärkt auch unsere psychische Resilienz. Deshalb gibt es Erweiterungen des Modells, so PERMA-V (von Emiliya Zhivotovskaya), mit der Säule V – Vitalität/Körperliche Gesundheit: ausreichend Schlaf und Erholung, regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung.
Negative Gefühle werden im Modell ausgeblendet. Doch sie können nicht nur negative, sondern auch positive Auswirkungen haben. Wir können durch sie und mit ihnen wachsen, durch Leid und Schmerz, durch Trauer.
Tugenden und Charakterstärken
Ein weiteres wichtiges Konzept der Positiven Psychologie ist das VIA-Klassifikationssystem. VIA meint Values in Action, Werte im Handeln. Christopher Peterson und Martin Seligman entwickelten es und veröffentlichten 2004 ein Handbuch dazu, mit sechs Tugenden, denen 24 Charakterstärken zugeordnet sind. Die Tugenden sind eher abstrakt gehalten und werden evolutionsbiologisch und kulturell als universell betrachtet. Die Charakterstärken sind messbar formuliert, sie gelten als stabil, aber förderbar, und entsprechen damit Wegen, die sechs Tugenden zu kultivieren und zum Ausdruck zu bringen. Dieses System gilt als Gegenstück der Positiven Psychologie zum psychologischen Diagnosehandbuch (DSM), denn es klassifiziert nicht psychische Störungen, sondern psychische Werte und Ressourcen. Hier eine Übersicht der Tugenden und zugeordneten Charakterstärken.
1. Tugend: Weisheit und Wissen
Hierunter fallen kognitive Stärken zum Erwerb und Gebrauch von Wissen.
Kreativität: Neue Wege finden und verwirklichen. Originalität und Einfallsreichtum.
Neugier: Interesse an der Welt zeigen, in ihr fragend und erkundend leben, offen für neue Erfahrungen sein.
Urteilsvermögen (Kritisches Denken): Dinge unter verschiedenen Perspektiven betrachten, Fakten prüfen, nicht voreilig urteilen.
Liebe zum Lernen: Neues Wissen und neue Fähigkeiten erwerben.
Weisheit (Perspektive): Die Welt als sinnhaft betrachten können.
2. Tugend: Mut
Alles, was uns gegen innere und äußere Widerstände unseren Zielen näher bringt.
Tapferkeit: Herausforderungen oder Schmerz nicht ausweichen, für das Richtige einstehen, auch gegen Widerstände.
Ausdauer (Beharrlichkeit): Was wir beginnen, zu Ende bringen, auch wenn es Hindernisse oder Widrigkeiten gibt.
Authentizität (Ehrlichkeit): Wahr reden und das auch zum Ausdruck bringen. Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Enthusiasmus (Tatendrang): Unternehmungen nicht halbherzig durchführen, sondern mit Energie und Tatkraft.
3. Tugend: Menschlichkeit
Stärken zum Aufbau und der Pflege von Beziehungen.
Liebe (Bindungsfähigkeit): Enge Beziehungen zu anderen schätzen und pflegen, Wärme und Nähe zulassen können.
Freundlichkeit: Anderen helfen und für sie sorgen können.
Soziale Intelligenz: Sich der Bedeutung von Motiven und Gefühlen bewusst sein, bei sich selbst und bei anderen. Sich in sozialen Situationen angemessen zu verhalten wissen.
4. Tugend: Gerechtigkeit
Stärken, die ein gesundes Leben in der Gemeinschaft fördern.
Soziale Verantwortung: In Gruppen gut zusammenarbeiten können, loyal gegenüber der Gruppe sein.
Gerechtigkeit: Menschen vorurteilslos nach denselben Prinzipien behandeln.
Führungsvermögen: Eine Gruppe ermutigen und leiten können, gute Beziehungen innerhalb der Gruppe aufbauen und aufrechterhalten.
5. Tugend: Mäßigung
Stärken, die Maßhalten unterstützen und vor Übertreibungen schützen.
Vergebungsbereitschaft: Verzeihen können. Nicht nachtragend sein, anderen eine zweite (und dritte) Chance geben.
Bescheidenheit: Sich nicht vordrängen, seine Leistungen für sich sprechen lassen.
Vorsicht: Nichts tun oder sagen, was wir später bereuen könnten. Unnötige Risiken sollten vermieden werden.
Selbstregulation: Sich kontrollieren können, sowohl die eigenen Gefühle und Gedanken als auch die eigenen Handlungen. Diszipliniert sein können.
6. Tugend: Transzendenz
Stärken, die Sinn stiften.
Sinn für das Schöne (Ehrfurcht): Schönheit und Außergewöhnlichkeit in der Natur, Kunst, Wissenschaft und im Alltag bemerken und schätzen können.
Dankbarkeit: Sich bewusst sein, dass es einem gut geht und dass wir von anderen und der Welt viel erhalten; dafür dankbar sein.
Hoffnung (Optimismus): Das Beste für die Zukunft erwarten und an dessen Verwirklichung arbeiten.
Humor: Lachen und Leichtigkeit schätzen, andere zum Lächeln und Lachen bringen (und auch sich selbst). Die leichte und heitere Seite der Dinge sehen und wertschätzen.
Spiritualität: Einen höheren Sinn in der Welt sehen und sich selbst damit verbinden können.
Die Charakterstärken können mit einem Fragebogen gemessen werden (VIA Inventory of Strengths, VIA-IS). Hohe Werte korrelieren Studien zufolge mit höherer Lebenszufriedenheit, weniger Depressivität und mehr Engagement im Beruf.
Obwohl die Tugenden und Charakterstärken auf einer Analyse historischer, religiöser und philosophischer Texte beruhen, ist ihre genaue Formulierung und Zuordnung umstritten. Und sie gelten doch als eher westlich-individualistisch orientiert.
Auch ist nicht immer unbedingt die höchste Ausprägung einer Charakterstärke die beste. Zu viel Ehrlichkeit etwa kann schaden. Auch zu viel Tapferkeit. Das ist abhängig von der jeweiligen Situation, In manchen Situationen kann große Ehrlichkeit gut sein, in anderen verletzend oder vernichtend. Um dies jeweils zu entscheiden, bedarf es praktischer Klugheit.
Anwendung
In vier Bereichen werden Erkenntnisse und Methoden der Positiven Psychologie angewandt.
Beratung und Psychotherapie: Grundsätzlich wird hier defizit-orientiert gearbeitet. Positive Psychologie ist dafür eine ausgezeichnete Ergänzung, um den Blick nicht nur auf Probleme, sondern auch ressourcenorientiert auf Fähigkeiten, Stärken und das, was gut ist, zu richten und dadurch Mut und Kraft zu schöpfen. Ziel ist die Linderung von Problemen, aber auch die Hinwendung und Ausrichtung auf ein erfülltes Leben.
Bildung und Erziehung: In der Schule geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen. Mindestens genauso wichtig ist die Entwicklung von sozialen Kompetenzen. Elemente der Positiven Psychologie eignen sich hier besonders gut, da sie psychisches Wohlbefinden ausdrücklich als ein Ziel ansetzen, ein Ziel für Schüler und Lehrer. Ohne Wohlbefinden funktioniert nicht einmal Lernen gut, geschweige denn die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten. Mit Positiver Psychologie kann Optimismus gefördert werden, auch soziale und emotionale Fähigkeiten, Achtsamkeit, Dankbarkeit und das Gewahrwerden eigener Stärken. Das verbessert die Schulkultur, steigert die Freude am Lernen und lässt uns besser mit Problemen umgehen.
Arbeit und Organisation: Wenn sich Menschen in ihrer Arbeit und Arbeitsumgebung wohlfühlen, steigen ihre Zufriedenheit, ihr Einsatz – und ihre Leistung. Ein Argument auch für Arbeitgeber, sich mit Positiver Psychologie im Betrieb zu beschäftigen. Die Berücksichtigung und Förderung der Stärken von Mitarbeitern bei der Arbeit sowie Rückmeldung und Führung, die sich an Stärken orientiert, steigern Wohlbefinden und Produktivität.
Persönliche Entwicklung: Grundsätzlich ist Positive Psychologie für alle Menschen da, mit und ohne Problemen, und ganz unabhängig, ob bei der Arbeit, in der Schule oder privat. In der Positiven Psychologie gibt es zahlreiche Übungen, die das Wohlbefinden steigern und das persönliche Wachstum fördern, um das Leben aktiv reicher, engagierter und tiefer zu gestalten.
Hier sind einige Übungen dazu: Übungen Positive Emotionen
Literatur
Seligman, M. E. P. (1999): The president’s address. APA 1998 Annual Report. In: American Psychologist, 54(8), 559-562.
Seligman, Martin (2012): Flourish – Wie Menschen aufblühen: Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens. Kösel, München. (US-amerikanisches Original: Seligman, Martin E. P. (2011): Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being. Free Press, New York.)
Peterson, C., & M. E. P. Seligman (2004): Character strengths and virtues: A handbook and classification. Oxford University Press / American Psychological Association.
Braun, Ottmar L. (Herausgeber) (2020): Positive Psychologie, Kompetenzförderung und Mentale Stärke: Gesundheit, Motivation und Leistung fördern. Springer, Berlin.
Schmitz, Bernhard; Jessica Lang & Janina Linten (Herausgeber) (2018): Psychologie der Lebenskunst. Positive Psychologie eines gelingenden Lebens – Forschungsstand und Praxishinweise. Springer, Berlin.
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