Dr. Volker Friebel
Der Effekt
Der Neuheitseffekt (Recency-Bias) ist eine kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass wir aktuellere Informationen und Ereignisse stärker als ältere gewichten. Wir nehmen sie bevorzugt wahr, ziehen sie stärker in unsere Beurteilung ein und erinnern sie besser als zeitlich vor ihnen liegende Informationen und Ereignisse. Damit unterschätzen wir die Wichtigkeit der Vergangenheit und können unseren Blick für langfristige Tendenzen trüben.
Eine der ersten wissenschaftlichen Studien zum Thema veröffentlichte im Jahr 1962 der Psychologe Bennet Bronson Murdock Jr. Er gab den Teilnehmern seiner Studie Listen mit Wörtern vor. Anschließend sollten sie sich an diese Wörter erinnern. Es zeigte sich, dass Wörter am Anfang und am Ende der Liste besonders gut erinnert wurden. Das ist der Primacy-Recency-Effekt (Reihenfolgeeffekt). Der Neuheitseffekt (Recency Bias) ist ein Teil davon, er bezieht sich spezifisch auf die gute Erinnerung der letzten Wörter.
Er ist aber offensichtlich nicht der einzige Effekt, der beim Erinnern wirkt. Bereits diese Studie zeigte, dass auch der Primacy-Effekt zu berücksichtigen ist, der uns die erste Information, den ersten Eindruck von einer Person oder Sache besonders stark gewichten und erinnern lässt.
Außerdem spielt der emotionale Gehalt eine Rolle. Wenn die neue Information uns nicht berührt, eine ältere Information zum selben Thema uns aber stark bewegt hat, achten wir voraussichtlich immer noch auch auf diese ältere Information.
Aus dem Zusammenspiel dieser verschiedenen Tendenzen in uns, allesamt kognitive Verzerrungen, entwickelt sich unsere Wahrnehmung, Verarbeitung und Erinnerung, die wir für objektiv halten und in der Regel nicht hinterfragen.
Weitere Beispiele
Der Neuheitseffekt zeigt sich durch eine Überbetonung der jüngsten Ereignisse und Informationen in allen Bereichen unseres Lebens.
Wenn ein Urlaub besonders gut endet, wird er positiver bewertet, als wenn dieser besonders gute Tag irgendwann in der Mitte gelegen wäre.
Wenn ein Konzert am Schluss besonders beeindruckt, wird unser Gesamteindruck unangemessen angehoben.
Ein aktueller Streit mit dem Partner überschattet die gute Zeit davor und drückt unsere Gesamtbewertung weit stärker als ein früherer Streit.
Bei einem Essen fließt der Abschluss, sozusagen der Nachtisch, besonders stark in unseren Gesamteindruck ein.
Bei der Bewertung von Mitarbeitern gewichten wir den letzten Erfolg oder Misserfolg besonders stark.
Bei einer Geldanlage neigen wir dazu, dort anzulegen, wo aktuell die größten Gewinne gemacht werden und gewichten längerfristige Trends weniger stark. Nach einem kürzlichen Verlust scheuen wir weiteres Risiko, insgesamt reagieren wir zu stark auf kurzfristige Schwankungen.
In der Politik fließen kurz vor der Wahl veröffentlichte Skandale oder Erfolge besonders stark in unsere Bewertung und damit in unser Wahlverhalten ein.
Unsere Sicht der Weltlage wird vor allem durch die aktuelle Berichterstattung geformt, Langzeitentwicklungen nehmen wir nur sehr viel schwerer wahr.
Vor- und Nachteile des Neuheitseffekts
Ein Vorteil des Neuheitseffekts: Wir bleiben aktuell und müssen uns nicht auch noch mit der Vergangenheit beschäftigen, das spart Energie. Oft sind die neuesten Entwicklungen besonders wichtig, sind vergangene Entwicklungen in ihnen aufgehoben.
Das ist aber nicht immer so. Und so kommt es durch die Überbewertung von aktuellen Informationen zu einer Verzerrung der Realität und folglich zu Fehlentscheidungen. Die Kenntnis der Geschichte einer Entwicklung kann ein ganz anderes Licht auch auf aktuelle Informationen und Ereignisse werfen. Ohne Kenntnis der Geschichte ist unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung verzerrt und wir können massive Fehlentscheidungen treffen.
Der Neuheitseffekt lässt sich auch ausnutzen. In der Werbung für Produkte heißt es gern NEU!, um ein Produkt positiv hervorzuheben. Das muss nicht GUT! sein.
Und in der Politik pflegen vor einer Wahl Politiker und Parteien, die von den Medien weniger geschätzt werden, besonders negative Schlagzeilen zu erhalten, während diese bei von den Medien bevorzugten Politikern und Parteien möglichst vermieden werden.
Privat nutzen wir den Neuheitseffekt, um etwa durch ein Geschenk, gute Worte oder zuvorkommendes Verhalten nach einem Streit einen guten aktuellen Eindruck zu machen.
Umgang mit dem Neuheitseffekt
Wir können uns den Neuheitseffekt gezielt zunutze machen, etwa um einen guten aktuellen Eindruck zu hinterlassen, der uns privat und wirtschaftlich hilft.
Ansonsten sollten wir versuchen, dem Neuheitseffekt entgegenzuwirken, um ausgewogenere Entscheidungen zu treffen. Uns immer wieder bewusst zu machen, dass es den Neuheitseffekt gibt, ist am wichtigsten.
Dann sollten wir bei der Informationssuche, ob nun privat, wirtschaftlich oder politisch, nicht nur auf die aktuelle Lage sehen, sondern uns auch deren Geschichte bewusstmachen, aktiv Informationen auch zu ihr suchen. Gerade bei Entscheidungen ist dies wichtig, um nicht nur den aktuellen Stand, sondern auch längerfristige Entwicklungen und Tendenzen in unsere Beurteilung eingehen zu lassen und dabei möglichst objektive Kriterien heranzuziehen.
Wir sollten uns auch immer wieder fragen, inwieweit wir auf Grundlage auch von Hintergrundwissen handeln und wie stark uns aktuelle Ereignisse beeinflussen. Perspektivwechsel sind dazu günstig, etwa die Meinung einer anderen Person zu einem Thema einzuholen. Oder uns zu fragen, wie wir wohl vor einem Jahr, ohne die derzeitige Lage zu kennen, entschieden hätten – und wie wir vielleicht in einem Jahr entscheiden werden, wenn die aktuelle Lage nicht mehr präsent ist.
Übersichtsseite Kognitive Verzerrungen