Motive

Dr. Volker Friebel

 

Hinter den Handlungen von Menschen vermuten wir Motive. Und finden, wenn wir uns damit beschäftigen, mögliche Motive übergenug.

Gibt jemand einem Bettler Geld, sagen wir vielleicht: Das ist ein barmherziger Mensch. Das Motiv der Handlung wäre also Barmherzigkeit.

Wir können damit enden – oder wir können weitere mögliche Motive der Handlung sammeln.

So sehen wir vielleicht, dass der Geber in Begleitung war und mutmaßen, er wolle seinen Begleiter mit diesem Akt der Barmherzigkeit beeindrucken. Das wäre ein weiteres Motiv.

Wir können uns auch überlegen, dass der Geber sich selbst bestätigen möchte, ein guter Mensch zu sein. Denn uns ist schon aufgefallen, dass Menschen nach einer nicht so guten Handlung dazu neigen, anderen gegenüber großzügiger zu sein, als Ausgleich etwa, um für sich selbst ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, nach der Art: „Ich habe mich gegenüber jemandem schlecht benommen – aber meine milde Gabe an den Bettler zeigt mir und anderen, dass das an den Umständen lag, dass ich im Grunde ein guter Mensch bin.“

Als weiteres Motiv können wir womöglich ergründen, dass der Geber einer Religion anhängt, die Mildtätigkeit schätzt oder sogar fordert. Dann wäre ein mögliches Motiv der milden Gabe, Verdienst anzuhäufen, sich bei einem Gott in ein günstiges Licht zu setzen.

Je mehr mögliche Motive wir anhäufen (und es lassen sich für jede Handlung unzählige mögliche Motive entdecken), umso mehr scheint die eigentlich klare Handlung zu verschwimmen.

Wir bemerken, dass es nicht eigentlich eine Handlung ist, die uns anspricht, die unser Gefühl so oder anders stimmt, die unsere Einstellung dem Handelnden gegenüber bestimmt, sondern unsere Interpretation der Handlung.

Und es ist ein großer Unterschied zwischen dem Motiv: Der Geber ist ein freundlicher und milder Mensch und dem Motiv: Der Geber wollte sich vor seiner Freundin, mit der er sich gerade gezankt hat, in ein günstigeres Licht setzen.

 

Wie gehen wir mit diesem Wust möglicher Motive um, wenn doch sie und unsere Interpretation es ist, die unsere Gefühle und unsere Einstellung bestimmen und weniger die eigentliche Handlung? Und wenn nicht einmal der Handelnde selbst immer weiß, was ihn zu einer Handlung getrieben hat? Und wenn es immer so sein dürfte, dass neben dem einen, offensichtlichen Grund für eine Handlung noch andere bestehen?

Mögliche Motive gibt es immer unzählige. Manche springen uns an, unserer eigenen Geschichte wegen, unserer Kenntnis des Handelnden wegen, die weitaus meisten kämen uns erst nach einigem Nachdenken – das im Fluss der Ereignisse fast immer unterbleibt.

Eines der möglichen Motive unter den vielen schreiben wir spontan zu, lassen wir jedenfalls aufleuchten. Und vergessen dabei, dass wir es sind, die das tun, und dass wir damit einen mindestens genauso großen Anteil an der Situation bekommen, wie der hat, dessen Handlung wir interpretieren.

Mögen wir ihn, werden wir ein schmeichelhaftes Motiv wahr werden lassen (ein barmherziger Mensch), mögen wir ihn nicht, ein weniger gutes (ein eitler Geck, der sich nur seinen Begleitern gegenüber in ein günstiges Licht setzen will).

 

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