Dr. Volker Friebel
„Jeder klagt über sein Gedächtnis, niemand über seinen Verstand.“
(François de La Rochefoucauld, Maxime 89 aus „Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen“, Erstausgabe 1665)
Einführung
Zu Klagen über unseren Verstand hätten wir manchen Grund. Zwar ist der menschliche Geist, soweit wir wissen, einzigartig auf unserer Welt. Mit ihm haben wir uns zu immer neuen Grenzen aufgemacht, wir haben das Feuer gezähmt, das Rad und die Unfallversicherung erfunden und unsere Lebensspanne verdoppelt. Die Nebenwirkungen, von der Ausbreitung der Brände bis zu Umweltverschmutzung und Klimaveränderung, fielen uns oft erst spät auf, doch wir wenden uns nun auch ihnen zu und werden sie womöglich meistern lernen.
Doch immer wieder entwickeln sich Dinge anders, als wir erwarten. Sehen wir uns das näher an, stoßen wir darauf, dass wir noch zu wenig wussten oder nicht genug auf den größeren Zusammenhang achteten – und besonders kluge Menschen stoßen auf systematische Fehler unseres Verstandes. Immerhin, wir sehen sie also – manchmal. Es gibt Studien darüber und wissenschaftliche Publikationen. Dennoch ist es nicht sehr populär, sich mit den Grenzen und den Fehlern unseres Verstandes zu beschäftigen, so war es zur Zeit von La Rochefoucauld und so ist es heute nicht minder. Warum?
Ich denke, es liegt daran, dass wir unser Gedächtnis als etwas betrachten, das wir haben, unseren Verstand dagegen eher als etwas, das wir sind. Er ist uns zu nahe, jede Kritik an ihm nehmen wir als eine Kritik unserer selbst wahr.
Auf die Frage, ob wir, für die Welt und für uns persönlich, mehr oder weniger Verstand bräuchten, ganz gleich wie viel wir davon bereits haben, ist die Antwort allerdings eindeutig: Zwar wird Verstand allein uns auch nicht retten – wir brauchen von ihm aber auf jeden Fall mehr. Es sind unser Selbstwertgefühl und unsere Eitelkeit, die uns davon abhalten, uns mit den Problemen unseres Verstandes zu beschäftigen. Doch es wäre hilfreich für uns.
Auf diesen Seiten sollen deshalb Eigenarten unseres Verstandes, die uns immer wieder zu Denkfehlern bringen, aufgezeigt und erläutert werden. Wer ein Problem kennt und sich ihm stellt, hat schon viel zu seiner Verbesserung getan. So stehen hier in der Übersicht zunächst einiger der bekannten Denkprobleme des Menschen, jedes mit zwei, drei erläuternden Sätzen. Die einzelnen Probleme werden zudem verlinkt und nach und nach auf eigenen Seiten näher erläutert und mit Beispielen aus vielen Bereichen sowie mit Lösungen versehen. So steigen unsere Chancen, sie bei uns selbst oder in unserer Umgebung zu erkennen und ihnen entgegenzusteuern, wenn wir ihnen begegnen.
Um einem beliebten Fehler gleich am Anfang vorzubeugen: Immer handelt es sich um Tendenzen, nicht um ein „habe ich oder habe ich nicht“. Die erste, sehr bekannte Neigung etwa, der Bestätigungsfehler, bedeutet nicht, dass wir grundsätzlich nicht in der Lage wären, unseren Anschauungen widersprechende Dinge wahrzunehmen. Gemeint ist die Neigung, das zu tun. Die bei unterschiedlichen Menschen oder demselben Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und bei unterschiedlichen Gelegenheiten unterschiedlich stark (oder schwach) ausgeprägt sein wird.
Das ist die gute Nachricht: Grundsätzlich können wir denken, und wir können uns mehr oder weniger gut auch über Denkfallen und ungünstige Neigungen erheben. Wir können unsere Denkfähigkeit also verbessern.
Und sollten das auch. Denn diese ungünstigen Neigungen, diese Denkfehler, tragen wir, mehr oder weniger stark ausgeprägt, alle in uns. Sie schaden uns. Die Beschäftigung mit ihnen wird uns nützen.
25 bedenkliche Tendenzen
Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)
Wir suchen und beschäftigen uns mit neuen Informationen – allerdings vorzugsweise so, dass sie unser Weltbild, unsere Überzeugungen und Einstellungen bestätigen. Tun sie das nicht, übersehen wir sie eher oder relativieren sie, bewerten sie als weniger wichtig.
Selektive Wahrnehmung
Auch unsere Wahrnehmung orientiert sich an unseren Einstellungen, Erwartungen und Wünschen. Wir neigen dazu, in unserer Umgebung je nach unseren Einstellungen manches eher auszublenden, bei anderem dagegen viel genauer hinzuschauen, hinzuhören.
Besitzeffekt (Endowment Effect)
Sobald wir etwas besitzen, steigt für uns dessen Wert. Wir würden in der Tendenz mehr dafür verlangen, als wir vorher zu zahlen bereit waren.
Selbstmach-Effekt (IKEA-Effect)
Wenn wir etwas selbst gemacht haben (und sei es nur durch den Zusammenbau von Teilen), steigt dessen Wert für uns stark an. Der Bastler spart also nicht nur, sondern er umgibt sich mit (subjektiv) höher wertigeren Dingen.
Halo-Effekt
Wir haben die Tendenz, von einem Merkmal einer Person auf ihr ganzes Wesen zu schließen, sie nach diesem einen Merkmal (etwa dem Aussehen oder der Intelligenz oder dem Status) insgesamt auf- oder abzuwerten und auch bei ihren anderen Merkmalen positiver oder negativer zu betrachten.
Mitläufereffekt
Bei dem, was wir denken und tun, bei den Einstellungen, die wir übernehmen, folgen wir vorzugsweise der Mehrheit der Menschen um uns. Das gibt Sicherheit und stärkt den sozialen Zusammenhalt.
System-Effekt (System Justification Theory)
Wir haben eine Neigung, das bestehende System, wirtschaftlich, sozial und politisch, als im Grunde gerecht und wünschenswert zu betrachten, auch wenn wir unter diesem System selbst benachteiligt sind. Das reduziert Unsicherheit und das Gefühl von Bedrohung.
Fundamentaler Attributionsfehler
Wir neigen dazu, das Verhalten von anderen vor allem von ihrer Person, ihrem Charakter, von inneren Werten geleitet zu sehen. Äußere Einflüsse, etwa die Situation, in der wir ihnen begegnen, gewichten wir weit weniger stark.
Standard-Effekt (Default-Effekt, Standard-Bias)
Wir haben eine Tendenz, bei dem zu bleiben, was ist und was wir denken und glauben. Änderungen nehmen wir aktiv eher ungern vor. Das macht sicher.
Unterlassungsfehler (Omission-Bias)
Wir haben die Tendenz, Probleme, die durch Handeln entstehen, schlimmer und als weniger verzeihlich einzuschätzen als Probleme, die entstehen, weil wir (oder andere) nicht handeln.
Neuheitseffekt (Recency-Bias)
Wir neigen dazu, neue Ereignisse oder Informationen gegenüber älteren als wichtiger anzusehen, als sie eigentlich sind. Damit unterschätzen wir tendenziell die Wichtigkeit und den Einfluss der Vergangenheit.
Verfügbarkeitsfehler (Availability Heuristic)
Wir neigen dazu, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis auftritt, danach zu beurteilen, ob wir für dieses Auftreten Beispiele in unserer Erinnerung haben. Was wir uns gut merken, weil es dramatisch war (und deshalb besser behalten wird) oder gerade erst passiert ist, dem schreiben wir eine höhere Wahrscheinlichkeit zu, dass es wieder eintritt. Das ist regelmäßig bei Katastrophen oder Anschlägen zu beobachten.
Placebo-Effekt
Etwas, das wir tun oder ein Medikament, das wir einnehmen, eine Behandlung, der wir uns unterziehen, wirkt – obwohl es selbst keine Wirkung entfalten würde, seine Wirkung kommt nur durch unsere Erwartung eines Erfolgs zustande. In der medizinischen und psychologischen Forschung wohlbekannt, dort muss standardmäßig gegen Placebowirkung getestet werden.
Vagheits-Effekt (auch Barnum- oder Forer-Effekt)
Wir neigen dazu, vage und allgemeine Beschreibungen der eigenen Person, die auf unzählige Menschen zutreffen, als ganz individuell zu betrachten. Nicht nur die Ersteller von Horoskopen leben davon.
Übermäßiges Vertrauen (Overconfidence-Effekt)
Wir haben eine Tendenz, unsere Fähigkeiten und unser Wissen sowie die Richtigkeit unserer Urteile zu überschätzen.
Bekanntheits-Effekt (Mere-Exposure-Effekt)
Wir haben eine Tendenz alles, was wir wiederholt wahrnehmen, selbst wenn wir keine bewusste Erinnerung mehr an es haben, positiver zu bewerten, es können Menschen oder Dinge sein, auch etwa Musik oder Filme. Deshalb kommen Politiker so häufig im Fernsehen.
Verlustaversion
Wir neigen dazu, Verluste schwerwiegender als gleichhohe Gewinne einzuschätzen und entsprechend emotional zu empfinden. Das hemmt immerhin Spekulation.
Konsensus-Effekt
Wir neigen dazu zu meinen, dass unsere Art zu denken, unsere Vorstellungen und Verhaltensweisen in unserer weiteren Umgebung weiter verbreitet sind, als sie es tatsächlich sind.
Unerledigt-Effekt (Zeigarnik-Effekt)
Wir erinnern noch unerledigte Aufgaben deutlich besser als erledigte. Das hält die Motivation zu ihrer Erledigung aufrecht.
Autoritätseffekt (Authority-Bias)
Wir haben eine Tendenz, Sinn und Richtigkeit der Aussagen von Autoritätspersonen überzubewerten und ihnen zu folgen, selbst wenn sie wenig sinnvoll sind oder unserer Überzeugung widersprechen.
Vergleicheffekt (Contrast Effect)
Wir neigen dazu, unser Urteil durch vorausgehende Dinge beeinflussen zu lassen. Hören wir ein mittelmäßiges Musikstück nach einem sehr schlechten Musikstück, finden wir es besser, als wenn wir es nach einem gleichfalls mittelmäßigen Musikstück hören würden.
Rückschaufehler (Hindsight-Bias)
Wir neigen dazu, Ereignisse, nachdem sie eingetreten sind, als vorhersagbar einzuschätzen. Auch wenn wir ein Ereignis nicht vorhergesehen haben, neigen wir im Nachhinein dazu zu denken: „Das war doch klar, das hab ich schon vorher gewusst“.
Durchhalte-Effekt (Sunk Cost Fallacy)
Wir neigen dazu, eine Beziehung, Projekte, Investitionen länger als gut weiterzuführen, aus Respekt vor der Zeit und Mühe, die wir bereits auf sie aufgewendet haben.
Gedächtnis- und Wahrnehmungsfehler
Wir verändern Erinnerungen an ein Ereignis nachträglich, wegen Informationen, die wir erst später erhalten haben oder Schlüssen, die wir erst später zogen. Ein großes Problem bei Zeugenaussagen vor Gericht.
Gegenseitigkeitsprinzip (Reziprozitätsprinzip)
Wir haben ein Bedürfnis, Geschenke oder einen Gefallen zu erwidern, als führten wir innerlich ein Konto, das wir gern ausgeglichen sehen möchten. Das wird etwa bei Verkaufsveranstaltungen ausgenutzt.
Kommentar
Soweit einige der bekannten Denkfehler des Menschen – und das heißt auch von uns (es gibt noch mehr). Wenn wir aber, mehr oder weniger ausgeprägt, alle diese Neigungen problematischen Denkens in uns tragen, sind es dann eigentlich „Fehler“ und nicht eher Eigenarten? Weshalb haben wir diese Neigungen?
Die einen wahrscheinlich, weil sie bequem sind. Es sind Abkürzungen des Denkens, die weniger Energie verbrauchen. Die anderen, weil wir mit ihnen etwas anderes erreichen, das uns manchmal wichtiger ist, als „korrektes“ Denken und seine Ergebnisse. Weil Denken manchmal auch wehtun kann und wir den Schmerz nicht möchten. Weil Denken uns von anderen Menschen oder von der Gesellschaft entfremden kann und wir mit ihnen (und uns selbst) im Reinen und miteinander verbunden sein möchten. Weil manche Denkfehler uns selbst in einem besseren Licht erscheinen lassen, weil sie uns schmeicheln.
Es sind also nicht einfach „falsche Verdrahtungen“ in unserem Gehirn, die zu Denkfehlern führen, sondern wir bewegen uns mit unserem Denken in einer Welt, in der die Korrektheit von Analysen nur ein Aspekt ist, dem manchmal andere Aspekte gegenüberstehen, die wir höher einschätzen – und manchmal womöglich gar zu Recht.
Aber mindestens in vielen Situationen schaden uns diese Denkfehler, ohne uns im Gegenzug zu nutzen. So sollten wir sie kennen und über ihnen stehen und uns nicht von ihnen beherrschen lassen. Es ist unsere Entscheidung.