Information und Entscheidung: eine Beunruhigung

Dr. Volker Friebel

 

Der Versuchsaufbau: Zwei Schulen sollen zusammengelegt werden – oder auch nicht. Ein Drittel der Versuchsteilnehmer bekam Informationen, die nur Argumente für die Zusammenlegung enthielten, ein Drittel nur Argumente gegen die Zusammenlegung, ein Drittel Argumente für beides (Gehlbach, Robinson & Fletcher, 2024).

Menschen, die nur Argumente für eine Zusammenlegung bekommen hatten, sprachen sich mehrheitlich für eine Zusammenlegung aus, wenn nur dagegen argumentiert worden war, dagegen, bei Informationen mit Argumenten für beides, verteilten sich die Stimmen je zur Hälfte.

Das sagt schon mal: Entscheidungen sind von den erhaltenen Informationen abhängig, sie richten sich nach ihnen. Das ist einerseits klar, andererseits beunruhigend, denn es wertet die Frage auf, wie sicher eigentlich die Informationsbasis unserer Entscheidungen ist.

Erfragt wurde auch, wie sicher sich die Menschen in ihrer Entscheidung waren, wie kompetent sie sich zur Entscheidung fühlten. Die beiden Gruppen mit einseitigen Argumenten waren recht sicher und glaubten, kompetent entscheiden zu können, die mit Argumenten in beide Richtungen waren unsicherer, fanden sich weniger für eine Entscheidung kompetent.

Das ist ein beunruhigendes Ergebnis. Wer mehr weiß, ist unsicherer. Menschen suchen aber Sicherheit. Entsprechend wird in (anderen) Untersuchungen auch gefunden, dass weitere Informationen eher vermieden werden, wenn sich Menschen einmal entschieden haben. Das heißt nun aber: Es gibt ein Bedürfnis von Menschen nach Sicherheit, das einseitige Informationen sucht, mit ihnen mindestens zufrieden ist, zufriedener als mit Informationen in mehrere Richtungen.

Menschen der einseitig informierten Gruppen erhielten nun zusätzliche Informationen. Einige davon entschieden sich, nachdem sie Argumente für beides kannten, um. Ihre Sicherheit und selbst empfundene Kompetenz nahm aber ab.

Ein weiteres Ergebnis des Versuchs: Alle Gruppen, gleich wie gut informiert, meinten, dass andere Menschen genauso wie sie selbst entscheiden würden.

Dieser Studie zufolge glauben also alle Menschen, über ausreichende Informationen zu verfügen, ob das nun der Fall ist oder nicht. Wer tatsächlich mehr (und diverse) Informationen erhält, dessen Vertrauen in seine Entscheidung steigt nicht, sondern sinkt.

Besonders beunruhigend (meine Folgerung): Menschen mit einseitigen Informationen und deshalb besonders großer Sicherheit, dürften besonders große Erwartungen haben, dass alle anderen wie sie selbst entscheiden – und besonders stark irritiert sein, wenn sie in der Wirklichkeit entdecken, dass andere Menschen anders entscheiden.

Womöglich ist die Irritation auch deshalb groß, da gesellschaftlich wichtigere Themen emotional aufgeladener sind und ein Abweichen von anderen Menschen nicht nur neutral festgestellt, sondern wie ein Verrat übelgenommen wird, da wir glauben, alle anderen müssten – eigentlich – wie wir selbst entscheiden. Wenn jemand anders entscheidet, stellt uns das auch selbst in Frage. Wie gehen wir damit um?

Die Studie: Gehlbach, Hunter; Carly D. Robinson & Angus Fletcher (2024): The illusion of information adequacy. PLoS ONE, 2024, doi: 10.1371/journal.pone.0310216.

Link zum Original (frei lesbar): https://doi.org/10.1371/journal.pone.0310216

 

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