Dr. Volker Friebel
Der Halo-Effekt (auch Lichthof-, Heiligenschein-, Horneffekt) ist aus der Sozialpsychologie bekannt und gilt als eine der wichtigsten kognitiven Verzerrungen. Gemeint ist die Tendenz, sich durch ein besonders hervorstechendes oder aktuell auffallendes Merkmal einer Person (oder einer Sache) einen Gesamteindruck zu bilden und andere, selbst bisher noch gar nicht bekannte Eigenschaften, danach ebenfalls eher positiv oder eher negativ einzuschätzen. Eine gut gekleidete Person wird so auch als intelligenter und körperlich fitter wahrgenommen, eine ungepflegt wirkende Person dagegen in allen anderen Bereichen schlechter beurteilt. Das eine Merkmal überstrahlt alles andere und zieht dieses (ob gut oder schlecht) in seine Richtung.
Herkunft und Auftreten
Erstmals beschrieben wurde der Halo-Effekt von Frederic L. Wells (1907), näher erforscht von Edward Lee Thorndike (1920). Thorndike stellte in einer Studie während des ersten Weltkriegs fest, dass Vorgesetzte ihre untergebenen Soldaten in eigentlich unabhängigen Eigenschaften wie Intelligenz, körperliche Verfassung, Charakter jeweils ähnlich bewerteten, dass ihre Gesamteinschätzung die Beurteilung aller einzelnen Eigenschaften beeinflusste.
Der Halo-Effekt zeigt sich im menschlichen Kontakt überall. Ein freundlicher und höflicher Schüler wird mindestens im Mündlichen besser bewertet als seine sachliche Leistung verdient. Gute Kleidung, gepflegtes Aussehen, Freundlichkeit und ein Lächeln führen dazu, in Bewerbungsgesprächen als kompetent und sozial positiv wahrgenommen zu werden.
Vorteile, Nachteile
Der Halo-Effekt beschleunigt und vereinfacht unsere Wahrnehmung und unser Urteil, er macht es konsistenter, als es sonst wäre, kürzt also das Denken ab und spart Energie. Allerdings zum Preis von verzerrter Wahrnehmung und unzureichend begründeter Beurteilung. Dies kann weitreichende negative Konsequenzen haben. Es kann teuer werden (Verkäufer) und gefährlich (Politiker). Da der Effekt bekannt ist, wird er auch ausgenutzt: Mafiosi sind gepflegt und gut gekleidet.
Kontrolle des Halo-Effekts
Vermeiden können wir den Halo-Effekt kaum, er ist zu tief in uns verwurzelt und wirkt nicht über das Bewusstsein. Aber wir können ihn abschwächen. Dabei ist wichtig:
1. Bewusstwerden, Selbstreflexion: Immer wieder das Wissen vergegenwärtigen: Es gibt diesen Effekt – jeder neigt dazu, also auch ich.
2. Beurteilung: Jede Eigenschaft eines Menschen ausdrücklich unabhängig vom Gesamteindruck beurteilen.
3. Objektive Kriterien: Nicht nur das Bauchgefühl heranziehen, durch das eben wirkt der Halo-Effekt. Sondern objektive Kriterien betrachten. Und sich generell fragen: Was von meinem Eindruck ist subjektiv, hinter was davon stehen objektive Kriterien?
4. Mehrfache Beurteilung: Nicht nur einmal, sondern mehrmals eine Beurteilung durchführen, möglichst unvoreingenommen von früheren. Eine Strategie für Gruppen ist, dieselbe Person nacheinander von unterschiedlichen Personen beurteilen zu lassen und sich erst hinterher über sie auszutauschen.
5. Überprüfen: Stimmt das eigentlich, was die mehr oder weniger sympathische Person sagte?
Kommentar
Der Halo-Effekt ist allgegenwärtig und eines der besten Beispiele dafür, wie kognitive Verzerrungen einerseits Komplexität reduzieren (erwünscht), dafür aber zu massiven Fehlurteilen und Schäden führen können (unerwünscht). Entgehen können wir dem Halo-Effekt nicht. Wir können das Beste aus ihm machen, indem wir darauf achten, wie wir selbst auftreten, und indem wir uns bei anderen bewusst sind, dass es sehr problematisch ist, von einem Merkmal auf die ganze Person zu schließen.
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