Fundamentaler Attributionsfehler

Dr. Volker Friebel

 

Der Effekt

„Der Idiot“, denken oder rufen wir unwillkürlich, wenn ein Verkehrsteilnehmer uns plötzlich den Weg schneidet, nicht etwa „die blöde Situation“. Denn wir neigen dazu, das Verhalten anderer Menschen vor allem auf innere Faktoren wie Persönlichkeit, Einstellungen oder Charakter zurückzuführen. Äußere Faktoren wie die Umstände, die Umgebung oder einfach den Zufall gewichten wir als mögliche Ursache dagegen weit weniger stark oder übersehen sie ganz.

Der Begriff „fundamentaler Attributionsfehler“ wurde vom Sozialpsychologen Lee Ross in den 1970er-Jahren geprägt, die erste Forschung dazu ist ein Jahrzehnt älter. Und schon Fritz Heider, ein bekannter Gestaltpsychologe, beschreibt 1958 in seiner Attributionstheorie diese Art zu urteilen.

Eine Abwandlung dieser kognitiven Verzerrung wird der „ultimative Attributionsfehler“ genannt und meint die Erklärung des Verhaltens eines bestimmten Menschen dadurch, dass er einer bestimmten Gruppe angehört, ob nun Ausländer, Deutscher, Linker, Rechter oder Angehöriger der Mittelklasse.

Der fundamentale Attributionsfehler ist allgegenwärtig, er durchdringt unser Leben. Im privaten Bereich hat vielleicht jemand ein Versprechen gebrochen. Wir machen spontan Unzuverlässigkeit oder Rücksichtslosigkeit oder mangelnde Wertschätzung verantwortlich. Dass er dafür äußere und nachvollziehbare Gründe hatte, muss er uns erst erklären, es fällt uns nicht als Erstes ein.

In der Wirtschaft wird der Erfolg eines Unternehmens oft in erster Linie oder gar ausschließlich dem Gründer oder dem aktuellen Geschäftsführer zugesprochen. Dass er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, Unterstützung und gute Mitarbeiter bekam, dass viel Glück und Zufall im Spiel war, wird unterschätzt oder gar nicht gesehen. Umgekehrt wird bei einem Misserfolg verantwortlich gemacht: Der Trainer des Fußball-Clubs, selbst wenn offensichtlich ist, dass es für die Misere viele Gründe gibt und er im Rahmen der Möglichkeiten gute Arbeit leistet.

In der Politik werden Entscheidungen von Akteuren auf ihre Einstellungen, ihren Charakter, ihre Kompetenz zurückgeführt. Der Einfluss von Situationen und Umständen, von Zwängen des politischen Beziehungsgeflechts, wird vernachlässigt.

Vor- und Nachteile

Der fundamentale Attributionsfehler führt uns zu schnellen und einfachen Urteilen. Wir müssen nicht viel nachdenken, er spart Zeit und Energie. Und er gibt uns das Gefühl, die Welt zu verstehen und vorhersagen zu können. Müssten wir uns dauernd mit all den anderen möglichen Einflüssen auf das Verhalten unserer Mitmenschen beschäftigen, fühlten wir uns weit mehr in einer komplizierten und schwer vorhersagbaren Welt.

Der Fehler bringt uns allerdings dafür immer wieder zu falschen, ungerechten Urteilen, die anderen und uns selbst schaden. Manchmal lässt sich das im Gespräch ausbügeln, oft nicht, sodass der Fehler und seine negativen Auswirkungen bestehen bleiben.

Der Fehler bestätigt und zementiert außerdem Vorurteile. Unser Denken wird durch ihn weniger flexibel, als es sein sollte und sein könnte. Und wir übersehen durch die falsche interne Zuschreibung manchmal wichtige sachliche Probleme, die wir deshalb nicht beseitigen können.

Umgang mit dem fundamentalen Attributionsfehler

Der Fehler sitzt tief in uns, er erfolgt wie automatisch. Deshalb ist ein Innehalten die beste Reaktion, wenn wir Verhalten auf innere Faktoren zurückführen. Innehalten und sich fragen: Stimmt das? Gibt es noch andere Erklärungen? Was davon trifft zu? Was trifft mehr oder weniger zu? Erkenne ich alle Umstände, die den anderen so handeln lassen? Würde der andere die Ursachen seines Verhaltens auch so sehen wie ich? Brauche ich für eine solide Beurteilung mehr Informationen? Und einfach mehr Zeit, um mir darüber im Klaren zu werden, was alles in die Erklärung des Verhaltens hineinspielt?

Im privaten Bereich haben wir diese Zeit, zumindest manchmal. Im Straßenverkehr, beim flüchtigen Kontakt mit anderen Menschen, bei der Beurteilung von Nachrichten meistens nicht. Deshalb ist es zur Abschwächung des fundamentalen Attributionsfehlers günstig, generell vorsichtig und milde in Urteilen zu sein.

 

Zur Übersichtsseite Kognitive Verzerrungen