Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Dr. Volker Friebel

Der Effekt

Wir suchen, interpretieren und gewichten Informationen vorzugsweise so, dass sie unsere bereits bestehenden Überzeugungen und Erwartungen bestätigen. Entsprechend erinnern wir uns auch besonders an solche „passenden“ Informationen. Bestätigen Informationen unsere Überzeugungen nicht, übersehen wir sie eher oder relativieren sie, bewerten sie als weniger wichtig. Als Problem fällt uns das auch immer wieder auf – bei anderen Menschen, kaum je bei uns selbst.

Wir suchen also weniger nach der „Wahrheit“, sondern nach einer Bestätigung, dass wir sie bereits haben und nach weiteren Beweisen für die Richtigkeit unseres Weltbilds. Das ist keine Strategie lediglich dummer Menschen, alle Menschen verwenden sie, auch Sie, auch ich. Es ist ein grundlegendes Merkmal unseres Denkens.

Der Effekt ist seit langem bekannt. Experimentell beschäftigte sich als erster der englische Denkpsychologe Peter Cathcart Wason (1924-2003) in den 1960er Jahren mit ihm.

Ursache

Der Bestätigungsfehler macht die Welt einfacher, als sie ist, sie wird weniger komplex und weniger fremd, er hilft uns, ein geschlossenes und stabiles Weltbild aufrechtzuerhalten. Wir kennen das vor allem von anderen Menschen, wie schwer es widersprechende Informationen haben, bei ihnen durchzudringen. Wir beobachten aber auch, dass Menschen sich dann doch bewegen, wenn immer wieder diese und ähnliche Informationen kommen. Hier lässt sich ein Sinn des Bestätigungsfehlers erkennen: Wir müssen uns nicht die Arbeit machen, bei jeder widersprechenden Information unser ganzes Weltbild neu zu ordnen oder ganz neu aufzubauen. Das machen wir dann, wenn es nicht anders geht, ansonsten werten wir lieber die unpassenden Informationen ab. So bewegen wir uns durchaus – aber langsam. Bei anderen Menschen fällt uns das gelegentlich auf, bei uns selbst kaum, wir sind uns zu nahe.

So bringt uns die Abkürzung des Denkens durch den Bestätigungsfehler (1) kognitive Entlastung, da wir weniger zu denken haben, (2) Konsistenz in unserem Weltbild, die anstrengende Widersprüchlichkeit der Welt wird reduziert, das Denken abzukürzen entspannt und erzeugt psychisches Wohlbefinden, (3) Sicherheit und Kontrolle, denn je stabiler unser Weltbild ist, umso sicherer können wir uns fühlen und umso mehr Vorhersagbarkeit und Kontrolle spüren wir, das reduziert Ängste.

Bereiche des Bestätigungsfehlers

Der Bestätigungsfehler zeigt sich in drei Bereichen:

Informationssuche: Wir neigen dazu, bereits unsere Fragen und unsere Suche nach Informationen so zu gestalten, dass eine Bestätigung des schon Vorhandenen wahrscheinlicher wird. Beispiel: Wer von seinem alten, in die Jahre gekommenen Telefon überzeugt ist, wird Informationen zum Kauf eines neuen vor allem so suchen, dass wieder diese Marke bevorzugt wird, etwa gleich auf der Netzseite der Marke schauen oder im Netzhandel diese Marke anfragen.

Interpretation: Viele Informationen, die wir erhalten, sind nicht eindeutig, sondern vage oder mehrdeutig. Wir beschäftigen uns kaum mit dieser Mehrdeutigkeit und den verschiedenen Möglichkeiten, was eine Information alles bedeuten könnte, sondern interpretieren die Information unwillkürlich so, dass sie zu dem passt, was wir gern hätten, dass sie also tendenziell unsere bisherigen Vorstellungen oder unsere Erwartungen bestätigt. So kann dieselbe Studie von Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und Erwartungen ganz verschieden interpretiert werden, jeder sucht sich das aus ihren Ergebnissen heraus, was ihm am besten passt.

Erinnern: Im Gedächtnis behalten wir tendenziell vor allem das, was unser Weltbild und unsere Überzeugungen unterstützt. Andere Informationen, wenn sie denn überhaupt an uns herankommen, erinnern wir weniger und werten sie eher ab, als zweifelhaft oder nicht sehr wichtig. Nachdem wir also schon vor allem Informationen aufgenommen haben, die unser Weltbild unterstützen, verstärkt sich diese Unterstützung im Laufe der Zeit noch, da wir vor allem diese erinnern, andere, nicht unterstützende Informationen aber leichter vergessen.

Das Problem

Je stärker wir an etwas glauben, umso mehr kommt der Bestätigungsfehler zum Tragen, da unsere Widerstände gegen widersprüchliche Informationen gleichfalls immer stärker werden. So verhärten sich Weltbilder, Überzeugungen, Standpunkte.

Das ist bei manchen religiösen Vereinigungen bekannt.

Auch im politischen Bereich, wo der Eindruck besteht, dass je nach politischer Partei dieselben Informationen ganz unterschiedlich bewertet werden, nämlich selektiv nur das herausgepickt wird, was zur jeweiligen Parteilinie passt (Filterblasen, Echo-Kammern), wo widersprüchliche Informationen sogar aktiv gemieden werden (Verbot von Zeitungen und Netzpräsenzen), so werden Gesellschaften polarisiert und radikalisiert.

Und selbst bei wissenschaftlichen Themen: Ein Impfgegner sucht vor allem Informationen, dass Impfungen schädlich sind, ein Impfbefürworter sucht nach dem Gegenteil, ein rationales Gespräch zwischen ihnen ist bald nicht mehr möglich, da beide bei ihrer Informationssuche bestätigt werden.

Und weltanschaulich ganz neutral: Ein Arzt oder ein Psychologe, der nach erstem Eindruck von Symptomen eine vorläufige Diagnose gestellt hat, tendiert dazu, vor allem nach Informationen zu suchen, die diese bestätigen, und ist in Gefahr, weitere Informationen so zu interpretieren, dass sie seine erste Einschätzung unterstützen. Wenn der erste Eindruck stimmte, ist das gut. Wenn nicht, kann es gefährlich sein.

Umgang mit dem Bestätigungsfehler

Der Bestätigungsfehler gehört als eine Neigung menschlichen Denkens zu uns. Wir können ihn nicht auslöschen, aber wir können Strategien der Informationssuche und der Interpretation von Informationen finden, die ihn zumindest abschwächen.

1. Nach Gegenbeweisen suchen. Nicht nur nach Bestätigung (Verifikation), sondern auch nach Widerlegung (Falsifikation) von Informationen und Meinungen suchen. Welche anderen Meinungen sind möglich? Wissenschaftliches Denken baut weniger auf Verifikation, sondern maßgeblich auf Falsifikation: Eine Hypothese (Meinung) wird dadurch gestärkt, dass nach Gegenbeweisen gesucht wird, diese sich aber nicht bestätigen lassen. Deshalb immer die Frage an sich selbst: Welche alternativen Erklärungen sind möglich?

2. Advocatus Diaboli. Wenn es um wichtige Entscheidungen geht, kann es helfen, die Rolle des Advocatus Diaboli, des Teufelsanwalts, einzuführen. Ich selbst im Zwiegespräch oder ein Mitglied in meiner Arbeitsgruppe nennt alles, wirklich alles, ohne Tabu, was sich gegen die eigenen Überzeugungen vorbringen lässt.

3. Die Quellen. Nicht nur gleichermaßen und unhinterfragt Informationen aufnehmen, sondern berücksichtigen, woher die Informationen stammen, ob die Quellen glaubwürdig sind oder ob Interessenskonflikte oder Voreingenommenheiten vorliegen könnten.

4. Hinterfragung des eigenen Denkens. Es kann durchaus helfen, sich gelegentlich zu fragen: Hätte ich diese Information genauso geglaubt (oder genauso als unglaubwürdig abgetan), wenn sie das Gegenteil sagen würde? Oder wenn sie aus einer anderen Quelle stammte?

Kommentar

Der Bestätigungsfehler ist unser Fehler, er gehört zu uns. Er reduziert die Komplexität der Welt und erlaubt uns, ein stabiles Welt- und Selbstbild aufrechtzuerhalten. Das ist sehr wichtig für unsere psychische Gesundheit.

Er kann allerdings zu einer Verhärtung unseres Geistes (und unserer Gesellschaft) führen und ist eine wesentliche Ursache für falsche Entscheidungen und die Polarisierung in der Gesellschaft.

Wir sollte uns seine Existenz immer wieder bewusst machen. Und wir sollten ihn mindestens abschwächen, durch die aktive Suche nach Gegenbeweisen und anderen Interpretationen, durch unser selbstverständliches Zugeständnis, auch selbst einmal falsch liegen zu können – und durch unsere Bereitschaft, nicht zu sicher, zu fest, zu hart zu werden, weil unsere Welt, die Welt des Menschen, eher wie Wasser ist und weniger wie Fels.

 

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