Durchs Labyrinth

Volker Friebel

 

Im Klostergarten
durchs Labyrinth – der Weg schon gefunden
vom Schnee.

Montag, 6.  Januar 2003, Kloster Heiligkreuztal, im Labyrinth

 

Jahrzehnte später.

Um letzte Schneereste im Graben neben dem Pilgerweg gluckst Wasser. Ein scharfer Wind bläst um das Schloss auf dem Hügel, von dem die Allee geradewegs hinabgeht ins Tal, eine dicht befahrene Straße quert und übergeht in einen gleichfalls schnurgeraden Kreuzweg, den Schönenberg hinauf zur Wallfahrtskirche. Dohlen geckern in kahlen Bäumen, am Horizont drehen sich Windräder. Zwischen den Wolken flutet Licht aus der Höhe, jagt in Streifen über die Stadt und das Land.

Das Licht ist Leben. Wie viele Kulturen verehrten dies Licht, erkannten die Sonne als ihr Höchstes, als ihren Gott – und die Wende des Jahres, wenn die Sonne wieder zu steigen beginnt, wenn die hellen Stunden länger werden, als die Geburt ihres Gottes.

Es ist das Licht, das sich im Grün der Blätter und Gräser verwandelt in Leben, das mit dem aufgenommenen Grün zur Raupe wird und zum Schmetterling, zum tapsenden Bären, zum Kind in der Wiege, zu den Eltern, die sich über es beugen.

Die Wellen aus Licht zwischen den Schatten der ziehenden Wolken berühren das Gras, den Winterweizen. Sie ziehen die Hoffnung auf, wie auch die Wellen der Ideologien das versuchen, die seit mehr als einem Jahrhundert über das kultivierte Land hinstreichen (und noch viel länger, nimmt man eine noch tiefere Hoffnung und die über ihr wechselnden Religionen dazu). Doch die Ideologien sind von Menschen gemacht, in der Enge der Städte, wo die Mauern immer Schatten werfen und die Unterschiede der Menschen sich aneinander reiben, wo eine neue Einfachheit die Entfremdung voneinander und von Erde und Himmel vergessen lassen will, mit ihren wechselnden Losungen und irgendeiner Kombination von Farben oder von bunt – minus dieser oder jener der Farben, denn Ausschluss ist ein Kennzeichen von Ideologie.

Das Licht der Sonne ist wahr, es birgt alle Farben in sich. Die Wellen der Ideologien führen Wahnsinn um Wahnsinn über die Menschen. Wir sind verloren in einer selbst geschaffenen Welt. Und verklären unsere Umwege und Notbehelfe, machen Kultur daraus, Weltanschauung. Doch das Licht ist immer noch da, wie Gras und Blatt und Raupe und Schmetterling.

Alle Menschen aller Weltanschauungen: Wenn sie den Baum betrachten, berühren, oder das Gras, berühren sie die Wahrheit und nehmen ein wenig davon in sich auf. Sobald sie zu reden und zu handeln beginnen, entfremden sie sich.

 

An der Wallfahrtskirche ist ein Labyrinth aus Stein in das Gras eingelassen. Ich stehe am Eingang, wo zwei Tafeln die Mitte und die Schritte des Lebens erklären. Mich fröstelt ein wenig, hier und da schmilzt später Schnee. Grashalme wachsen im Labyrinth. Sie kennen weder Mitte noch Weg.

Wind übers Gras.
Im Labyrinth des Lebens
ein Maulwurfshaufen.

Ich betrete den Eingang, gehe geradewegs zur Mitte und lausche.

Steine warten.
Zwischen Haselkätzchen pfeift ein Vogel
vom Licht.

Dienstag, 23. Januar 2024, Wanderung über das Schloss ob Ellwangen und die Wallfahrtskirche am Schönenberg

Labyrinth an der Wallfahrtskirche am Schönenberg bei Ellwangen
Wallfahrtskirche am Schönenberg bei Ellwangen