Übern Gebirgskamm

Volker Friebel

 

Der Verkehrslärm aus Immenstadt und das laute Motorengeräusch von der Fabrik für Klebeband am Berg werden leiser, je höher wir kommen. Bald hören wir nur noch das Geräusch der Tropfen, die nach dem Regen am Morgen aus den Bäumen fallen – und stärker und stärker einen Gebirgsbach, der hier, vom Regen angeschwollen, ins Tal stürzt.

Wir wandern aufwärts, erst zwischen Bäumen, über Erde, Steine, Wurzelknollen, dann einen Wiesenweg, vorbei an der Mittelstation der Bergbahn und einer Alphütte, den Mittag hinauf. Die Seilbahn steht.

Rast auf der Terrasse der Bergstation. Zum ersten Mal heute blinzeln wir in die Sonne, nun schon fast 700 Höhenmeter über Immenstadt. Angekündigt waren schwere Gewitter.

Die Nagelfluh-Kette liegt vor uns, im Norden der Allgäuer Alpen, ein letzter Ausläufer des Hochgebirges, an den sich das Alpenvorland anschließt. Auf den etwa 20 Kilometern der Kette liegen dicht an dicht zahlreiche Gipfel. Der Mittag ist mit 1.451 Metern über dem Meer der erste, der Großhäderich, in Österreich gelegen, mit 1.565 Metern der letzte, dazwischen geht es mal auf, mal ab, über den Grat der Kette, von Gipfel zu Gipfel, bis 1.822 Meter über dem Meer, mit herrlichen Ausblicken über das Land, auf die Alpen, in die ziehenden Wolken.

Nagelfluh heißt das Gestein dieser Gebirgskette, es ist ein geologisch junges Konglomerat-Gestein, eine Mischung aus Geröll und Schlamm, die während der Entstehung der Alpen von den Wassern in einer großen Schwemmebene vor den sich langsam erhebenden Alpen abgelagert und von Zeit, Druck und Temperatur verbacken wurde, zu „Herrgottsbeton“. Diese Gesteinsschichten schoben sich auf die europäische Kontinentalplatte und falteten ein Gebirge auf, das nun von uns Eintagswesen betrachtet und bestiegen wird.

Der Aufstieg zum Mittag war steil. Nun erst, in der Höhe, kommt die ganze Schönheit der Berge ans Licht. Die Wiesen sind vom Regen feucht. Der Wanderpfad ist hier und da aufgeweicht, muss umgangen werden. Der Himmel aber hat sich aufgelockert.

Kuhglocken läuten.
Vor den Herden des Himmels
ein Zaun.

Kuhglocken läuten.
Unhörbar der rieselnde Stein
des Gebirges.

Schmetterlinge – Regentropfen auf Blättern und Hagebutten – fahle Gräser – erste Herbstblätter liegen auf dem Pfad – Wurzeln – Felsen – der weite Ausblick nach beiden Seiten – Kühe an den Hängen – das gläserne Licht. Die Schönheit ringsum lässt alle Worte verstummen. Nur unser Atem und das Geräusch unserer Schritte. Wir wandern an einigen Gipfelkreuzen vorbei.

Abstieg vom Grat der Kette auf eine weiten Ebene mit fetten Weiden. Ein Bach ist über seine Ufer getreten, Wasser steht im Grün. Hier sitzen wir lang. Erst abends kommen wir in unserer Unterkunft an, der Alpe Gund. In der Stube ein Abendessen. Im „Berglerlager“ belegen wir das Stockbett. Die anderen Schlafplätze füllen sich nach und nach.

Morgendämmerung.
Der Laut eines Vogels
erschüttert den Berg.

Auf Wäscheständern hängen Hemden und Strümpfe von den kleinen Kindern der Wirtsleute, vom Tau durchnässt. Wir ziehen die Bergschuhe an, leis vor der Hütte, um die anderen nicht zu wecken. Es ist noch duster, doch den ersten Wegabschnitt haben wir noch gestern Abend erkundet. Ungewöhnlich deutlich in diesem Licht sind am Hang die Pfade der Kühe, die sich in Fressweite übereinander hinziehen, wie Höhenlinien oder Terrassen.

Wir steigen hinein in dieses Licht, auf den Gipfel des Stuiben, 1.749 Meter über dem Meer. Während die Alpe, klein unter uns, noch immer im Bergschatten liegt, sind Gipfel und Grat vom Licht überschwemmt. Was für Farben! Eine ganze Weile sitzen wir in der Sonnenflut.

Der Sederer ist nur ein Dutzend Meter niedriger als der Stuiben, fast kann man die beiden Zwillingsgipfel nennen, so nah liegen sie nebeneinander. Beim Aufstieg werde ich plötzlich ganz langsam: Vor uns – Kühe sind das nicht, nein, Gämsen! Zwei, drei, sie spähen, zu Statuen erstarrt, zu uns her. Wir steigen vorsichtig höher, einen Graskamm zwischen uns und den Tieren, bis zum Gipfel. Und da sind sie, zehn, elf, wenig unter uns ziehen sie langsam über den Hang, sich unserer Gegenwart offensichtlich bewusst. Auch sie sind vorsichtig, doch sie fliehen nicht, bewegen sich einfach weiter.

Vom Gipfel des Sederers führt der Wanderpfad auf dem Kamm zu weiteren Gipfeln der Nagelfluh-Kette, dort kreuzt nun die Herde, zieht auf die andere Seite, wo sich der grüne Abhang den Alpen zuwendet.

Wir stehen im Morgenlicht und sehen der Herde nach, den Alten, den Jungtieren, und wünschen ihnen viel Glück.

Viel Glück, mit dem Himmel, der Sonne, mit den Herden der Wolken, mit Donner und Blitz!

Viel Glück mit den Kühen, den Dohlen, den Hunden, den Menschen, den lästigen Fliegen!

Viel Glück mit den Jahreszeiten der Berge, mit Hitze und Frost, mit Schnee und Steinschlag, mit den Lawinen!

Viel Glück mit dem köstlichen Wasser und allem, was für euch schmackhaft ist!

Viel Glück mit euch selbst!