Fluten-Log – Archiv 12

Gelegentlich etwas Neues oder Altes, Text oder Foto oder Musik, ausgearbeitet oder Notiz. Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Beiträge von Volker Friebel.

Fluten-Log: Aktuell, Archiv: 14, 13, 12, 11, 10, 09, 08, 07, 06, 0504, 03, 02, 01 (ab 07.06.2018)

 


Mittwoch 29. Dezember 2021

Woher das Böse kommt

Das Licht frühen Frühlings überschwemmt meinen Schreibtisch, an dem ich staunend sitze und in den Tag blinzle, der einfach weiter und weiter rollt.

Als ich die Nachrichten lese, frag ich mich wieder, woher das Böse kommt. Und die Antwort ist wie immer: Aus uns.

Es sind nicht die Geschehnisse in der weiten Welt.

Es sind die kleinen Tricks eines Polit-Journalisten an einem anderen Schreibtisch, der das Licht der Sonne weggewischt und durch die Leuchtstoffröhre ersetzt hat, die zu seinem Arbeitsplatz gehört.

Wenn jemand ihn aber entlässt und ein anderer seinen Platz einnimmt, dann wird sich gar nichts geändert haben, weil das Licht und die Verhältnisse dieses Schreibtischs dieselben geblieben sind.

Und wenn ihn oder den nächsten an diesem Platz einer fragt, ob er ein Mensch sei, wird er antworten: Ja! Und das wird richtig sein. Weil der Mensch sich in allen Verhältnissen zurechtfindet und alle Verhältnisse den kleinen Dingen schönzureden versteht, die er will.

Aus: Volker Friebel (2021): Wunderbar. Bunte Steine. Mit 26 SW-Bildern. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Freitag, 24. Dezember 2021

Gestern wurde es von MusicHub ausgeliefert, heute schon ist das Album mindestens bei Spotify und Amazon gelistet. Ein Klick auf den Titel führt zur Albumseite mit Titelliste und allen Texten:
Volker Friebel (2021): Von Pech und von Gold. Lieder. Audio-Album. Distributor: MusicHub. EAN: 0406494641031. Laufzeit: 41:24 Minuten.

Hier ein Titel daraus (mp3-Datei): Wie das Gras wächst.

Das Album auf Spotify hören (Spotify-Konto erforderlich): https://open.spotify.com/album/0t0otGSwCpLmI1YWRMwKRG

Das ist das vierte Album aus dem Projekt Tausend Lieder.

 


Dienstag, 21. Dezember 2021

Im Raureif
unser Atem, mit der Wärme
des Frühlings.

 


Montag, 20. Dezember 2021

Der Weg zum Glück

„Der Weg zum Glück besteht darin, sich um nichts zu sorgen, was sich unserem Einfluss entzieht.“ (Epiktet, Lebenszeit etwa die Jahre 50-138 nach unserer Zeitrechnung, griechischer Philosoph, Sklave, nach Neros Tod freigelassen; gründete eine Philosophenschule der Stoa.)

Aber Selbstbescheidung hat bei uns keinen guten Leumund. Für die Menschheit ist das wahrscheinlich gut, für den einzelnen Menschen aber schlecht. Und: Wollen wir nicht vor allem Aufregung? Und erhoffen uns das Glück gerade von ihr?

Aus: Volker Friebel (2021): Wunderbar. Bunte Steine. Mit 26 SW-Bildern. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Donnerstag, 16. Dezember 2021

Rundwanderung von Tübingen-Bebenhausen durch den Schönbuch. Der Himmel ist grau. Die Sonne, von der die Haiku sprechen, ist nicht zu sehen.

In der blassen Sonne
selbst blasser geworden
und still.

Zeit des Mooses
im Wald, zwischen leerem Gezweig
die Sonne.

Geworfenes Laub –
an den Wurzeln ruhen,
nass vom Regen.

Kahle Birkenstämme.
In die Scheibe der Sonne
fliegt ein Vogelschwarm.

 


Mittwoch, 15. Dezember 2021

Ich schaue hinaus in die Trübe des deutschen Dezembers. Keine drei Wochen ist das nun her, da sahen wir in den Bäumen Orangen und Ess-Zitronen. Ein Foto und zwei Haiku aus Cefalù (Sizilien).

Die Bewegung der Palmen
am Dom.
Tänzerinnen.

Bergfestung.
Wir begegnen Gräsern
und Schmetterlingen.

 


Sonntag, 12. Dezember 2021

Tief in der Nacht, ich kann nicht mehr arbeiten und höre Musik. Gelandet bin ich bei Melanie (Safka, *1947), die ich als junger Mensch sehr geschätzt habe. Nicht wegen den Liedern, wegen denen sie bekannt wurde, sondern wegen einigen anderen. Damals wurde sie von der Kritik heruntergemacht, als naives Us-amerikanisches Mittelstandsmädchen dargestellt. Vielleicht war das richtig, vielleicht nicht. Wenn jemand etwas getan hat, das mich berührt, ist mir egal, wie er ansonsten eingeschätzt wird. Das Gute zählt, das andere lässt man beiseite. Heute ist sie vergessen. Hier die Lieder, die mich beeindruckt haben, auf Youtube. Die Werbung davor ist etwas, gegen das sie immer gesungen hat. Vergeblich.

Leftover wine (1970)
Tuning my guitar (1969)
Some Say (I Got Devil) (1971)

Es gäbe noch ein viertes Lied. Aber das könnte missverstanden werden.

 


Donnerstag, 9. Dezember 2021

Frei wie der Wind

Prinz Vogelfrei blickt zum Himmel auf und seufzt: „Ach, könnte ich auch so frei durch mein Reich wandern wie die Wolken durch ihren Himmel!“

„Die wehen immer im Wind“, zirpt Hofmeister Grille.

„Wie der Wind will ich sein, wie der Wind“, seufzt Prinz Vogelfrei.

„Was wäre der Wind ohne die Wolken, ohne Blätter und Haar, ohne Worte und Lied.“

Aus: Volker Friebel (2021): Wunderbar. Bunte Steine. Mit 26 SW-Bildern. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Dienstag, 7. Dezember 2021

Nutzen der Wahrheit

„Die Wahrheit stiftet nicht soviel Nutzen in der Welt wie ihr Schein Schaden.“ François de La Rochefoucauld, aus „Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen“, Erstausgabe 1665.

Die heutigen Sekretäre scheinen eher darüber besorgt, wie viel Schaden die Wahrheit anrichten könnte. Da sie ein gutes Herz haben, ersparen sie diese den Menschen soweit sie nur können und bieten stattdessen einen nützlichen Schein.

Aus: Volker Friebel (2021): Siebzehn Hundertstel frei. Bunte Steine. Edition Blaue Felder, Tübingen. Mit 23 SW-Bildern. PapierBuch und eBuch.

 


Sonntag, 5. Dezember 2021

Im Lebensstrom

Was ist schlimmer als die Ideologien und anderen Moden von gestern? Deshalb immer im Fluss sein, wo nichts sich verhärten kann. Verhärtungen und Verkrustungen entstehen langsam, unmerklich, unbemerkt von den schnellen Menschen, die auch die Bewegung der Berge nicht sehen und nicht das Wachsen von Blumen und Gräsern.

„Die Fahne mit dem Wind wehen lassen“, „Sein Mäntelchen in den Wind hängen“, „Mit den Wölfen heulen“. Worin unterscheidet sich das vom Strömen im Fluss des Lebens? Was unterscheidet die Hingabe in den Lebensstrom von Opportunismus? Beides ist Strömen.

Aber es unterscheidet sich. Nicht in der Bewegung, in der immerwährenden Anpassung, doch in der Frage nach der Anpassung woran.

Opportunismus steht mit dem in Beziehung, was man den Zeitgeist nennt. Der Lebensstrom aber bezieht sich auf etwas Überzeitliches, zumindest nicht dem Zeitgeist Verhaftetes. Der Zeitgeist ist starr, er ist bereits eine Verhärtung. Opportunismus ist die Anpassung eben nicht an das immerfort Strömende, das Leben, sondern an Verhärtungen im Lebensstrom.

Diese Verhärtungen sind menschengemacht.

Im Zeitgeist bewegen sich Wahrheiten zwischen verschiedenen Menschen, zwischen Weltanschauungen, Ideologien. Dem gegenüber steht die Wahrheit zwischen dem Menschen und den Dingen. Hingabe an den Lebensstrom ist verbunden mit einem Hören auf die Dinge, auch auf uns selbst in unserer biologischen und psychischen Natur. Es hat etwas Vorsprachliches, nicht Bewusstes.

„Nicht bewusst“ wird hier nicht gewertet. Denn werten heißt immer auf- oder abwerten.

Nicht bewusst ist in uns ein Meer. Vieles findet sich darin. Bewusst ist deutlich weniger. Wir nehmen es allerdings wichtiger. Vielleicht, weil es uns hervorhebt in der sonstigen Welt. Steine haben wahrscheinlich kein Bewusstsein, auch Pflanzen und die meisten Tiere wohl nicht.

Unser nicht Bewusstes aber ist viel älter und klüger als unser Bewusstes. Es hatte sich in Jahrmillionen entwickelt. Unser Bewusstes ist noch sehr jung und in sich unvollkommen, es ist noch ein Kind. Wir lieben das Kind und halten es für etwas Besonderes – und vielleicht ist es das auch.

Elektronische Gehirne machen uns das Verhältnis zwischen Bewusstem und nicht Bewusstem deutlicher. „Computern fällt es leicht, zu tun, was man in der Schule lernt. Schwierigkeiten haben sie jedoch, zu lernen, was Kinder lernen, bevor sie in die Schule kommen: eine auf dem Kopf stehende Tasse als Tasse zu identifizieren, sich in einem Garten zurechtzufinden, ein Gesicht wiederzuerkennen, zu sehen.“ So drückt Tor Nörretranders diese Merkwürdigkeit in seinem Buch über das Bewusstsein aus.

Kinder entwickeln sich – und machen dabei Phasen der Starrheit durch, die gefolgt werden von einem Bruch und neuem Wachstumsschub. So sind vielleicht auch die Ideologien des Bewusstseins.

Immer im Fluss dagegen ist der Lebensstrom, der unter dem Zeitgeist fließt, der von unserem stolzen Bewusstsein verleugnet wird, und der doch immer wichtiger ist als jenes.

In diesem Lebensstrom sein heißt oft dem anderen schroff widerstehen, all den Verhärtungen, Ideologien, den Kindermoden der Zeit. „Wünsche nicht zu glitzern und zu gleißen wie ein Juwel, sondern rau und schroff zu sein wie ein Fels“, heißt es im Daodejing, dem Buch über eben diesen Lebensstrom. Dieses „rau“ und „schroff“, das ist das Verhältnis zum Zeitgeist, zur Ideologie, zur Verhärtung. Es beißt sich nicht mit dem sich Geben in den Lebensstrom, sondern ist dessen Entsprechung. Es ist die Erscheinung dessen, der im Lebensstrom ist, für den, der im Zeitgeist festhängt. Dasselbe wird einmal gesehen als Wasser, als ein Mitfließendes im Lebensstrom, vom Zeitgeist aber als störrischer Fels.

Nörretranders, Tor (1993): Der Anfang der Unendlichkeit. Essay über den Himmel. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek (dänisches Original 1987), Seite 264.

Lao Tse (1980): Tao Te King, Übersetzung Jan Ulenbrook. Ullstein, Frankfurt a.M., Ende des 39. Spruchs.

Aus: Volker Friebel (2021): Wunderbar. Bunte Steine. Mit 26 SW-Bildern. Edition Blaue Felder, Tübingen.

 


Samstag, 4. Dezember 2021

Neuerscheinung: Volker Friebel (2021): Wunderbar. Bunte Steine. Mit 26 SW-Bildern. Edition Blaue Felder, Tübingen.

Diese Sammlung enthält eine Anzahl kleiner Texte, die meisten im Blog „Fluten-Log“ zwischen 2015 und 2019 erstmals veröffentlicht oder aus dem Blog heraus entwickelt. Aufgenommen ist alles, was sich am Strand des Flusses Zeit fand: Impression, Erzählung, Essay, Kommentar, Reisebericht, nicht selten in Verbindung mit Haiku. Einige Schwarz-Weiß-Fotos ergänzen die Reisetexte.

Hier einer der kürzesten Texte, mit dem die Sammlung beginnt.

Unzählige Wellen

„Was hast du heute getan? Wieder gar nichts“, tadelt der Wanderer.
„Ich habe unzählige Wellen erschaffen, und jede einzelne von ihnen war vollkommen“, rauscht das Meer.

 


Mittwoch, 18. August 2021

Neuerscheinung: Volker Friebel (2021): Blumen und Sand. Lieder. Audio-Album. Distributor: MusicHub. EAN: 0406494623501. Laufzeit: 43:11 Minuten.

Das dritte Album des Projekts Tausend Lieder. Hier ist die Seite des Albums, mit allen Texten und der Möglichkeit, zwei Lieder anzuhören. Am Mittwoch, 1. September 2021 wird das Album vom Distributor an die einzelnen Vertriebe wie Amazon und Apple ausgeliefert. Ein paar Tage später sollte es dann dort erhältlich sein, nur elektronisch, nicht als physikalische CD. Auch bei Spotify und Deezer ist das Album zu hören.

1 Hör den Jubel 3:45
2 Ein Engel kommt 5:01
3 Hinter den Augen 7:33
4 Sing, Amsel, sing 3:22
5 Ein neuer Morgen im Paradies 4:26
6 Vergessene Wörter 3:42
7 Wer will ich sein in der Welt 4:02
8 Aufgewacht unter Sternen 2:53
9 Schnüre des Regens 4:21
10 Bring den Müll raus 4:01

 


Sonntag, 15. August 2021

Gestern fuhren Elisabeth und ich von Tübingen den Neckar hinauf nach Esslingen, Freunde besuchen. Heute ging es zurück. Einige Texte und Fotos des Ausflugs.

Im Morgentau Glanz –
einen Tropfen berühr ich.

Was ist Gerechtigkeit? Im Sport etwa dem Angehörigen eines Volkes, das eher klein gewachsen ist, beim 100-Meter-Lauf eine Sekunde Ausgleich zugestehen? Oder allen Sportlern je nach Größe oder Beinlänge Sekunden zugestehen?

Steigende Sonne –
sie zieht auch die Kürbisse im Feld
etwas mit.

Marktgeplauder.
Nur die Rosen schweigen, trinken
vom Licht.

Auf der Rückfahrt bildeten sich immer mehr Wolken. Hier und da schien abseits des Tals bereits Regen zu fallen. Kurz vor Tübingen fuhren wir dann in eine Gewitterfront. Regen und Blitze auf offenem Feld. Bei den ersten Häusern in Tübingen-Lustnau stellten wir uns unter, bereits durchnässt, aus Angst vor den Blitzen. Der Regen wurde sehr stark, wehte uns die Füße klatschnass.

Elisabeth wurde ums Eck zu dem jungen Pärchen eingeladen, das dort mit ihrem Kinderwagen an einer Bank im Windschatten Schutz gefunden hatte. Bald holte Elisabeth auch mich.  Der junge Mann, am ganzen Körper stark tätowiert, mit zahlreichen Metallringen im Gesicht, hatte eine Hang aus ihrem Koffer geholt und zu spielen begonnen, in den rauschenden Gewitterregen hinein. Ich setzte mich neben ihn, lauschte. Wie zärtlich er das Metall des Instruments schlug. Die Frau, kurz geschoren, bedeckt mit Tätowierungen,  lächelte, setzte das kaum über ein Jahr alte Kind neben den Mann und die Hang, und das Kind versuchte mitzupatschen, hin und wieder gelang auch ein Ton. Die Blitze hatten bald nachgelassen, dann auch der Regen. Worte zum Abschied, „eine Regen-Meditation“ sagte der Musiker und lächelte über unser Lob seiner Musik.

 


Dienstag, 10. August 2021

In die Sommerpause hinein einen Text aus dem alten Fluten-Log, mit Datum vom Freitag, 10. Juli 2015 (ich sammle und bearbeite die alten Texte gerade für eine Publikation):

Auf dem Lyrikpfad

Wir gehen den Lyrikpfad des Arboretums im Neuen Botanischen Garten Tübingen. Gut eingerichtet: Unter Bäumen Tafeln mit Gedichten zu diesen Bäumen, jedes Gedicht unter einem roten Schirm. Die Bäume sind schön, die Gedichte durchwachsen – mit Überraschungen.

Dass Goethe untergeht, zählt nicht zu den Überraschungen. Aber Hermann Hesse lässt mich staunen: Das Gedicht zum Steppenwolf aus dem gleichnamigen Roman – so weit bin ich bei meinen verschiedenen Leseversuchen der Jugendzeit nie vorgedrungen, ich erinnere mich jedenfalls nicht, jedenfalls das Gedicht in diesem miesen Roman ist gut! Hölderlin, Rilke: klar. Das berühmte Gedicht Hölderlins von den Eichbäumen (er hat noch ein anderes im Lyrikpfad), mag ich allerdings nicht. Einige un- oder wenig bekannte Dichter der Zeit des ersten Weltkriegs: Gut! Vieles Neue ist schlecht, nämlich wenn es um jeden Preis originell sein will oder wenn es sich nur um das Handwerk bemüht.

Was heißt gut, was schlecht? Die meisten Gedichte sind handwerklich solide. Bei einigen war es das Handwerk schon, andere kommen ins Strömen. Genau das ist es dann: Nicht die Fähigkeit, Worte in ein Metrum zu pressen oder eine berechnende Originalität (beides kann eine KI bald besser als jeder Mensch), sondern der wahrhaftig eigene Blick, den aber nicht der Verstand ausspricht, sondern etwas, das im Mathematikunterricht und im Fach Informatik untergeht. Deshalb gefallen mir Hölderlins Eichbäume nicht. Das ist mir zu viel überlegt und zu wenig erlebt.

Auf dem Rückweg kommen wir über den Stadtfriedhof und besuchen Hölderlins Grab. Na gut, ich entschuldige mich! Aber nur wegen den anderen Versen. Und wegen seinem und unserem Leben.

Warum dieses Bemühen um Sprache, um Ausdruck? Vielleicht, weil es etwas in uns bewegt, das sonst stumm wäre und in diesem Stummsein ein Grab – und das im Sprechen, im Singen die Welt bereichert, wie die Sonne es tut. Weil es uns arm macht. Und damit reich. Weil es den Blick auf etwas lenkt, das so viel kostet wie ein Atemzug und das so viel wert ist wie eine Schatzkammer voll Gold.

Was das ist, das weiß keiner. Es muss etwas Einfaches sein.

 


Montag, 19. Juli 2021

Neu erschienen ist ein Kartenset mit Begleitheft beim Beltz-Verlag:

Volker Friebel (2021): 50 Motivationskarten für Erzieherinnen und Erzieher. Beltz Juventa, Weinheim. 50 Karten, Begleitheft von 24 Seiten. 16,95 €.

Im Buchhandel und bei den Versanden erhältlich.

 


Samstag, 17. Juli 2021

Drei Tage in Schwäbisch Hall. Ich sitze im leeren Biergarten zwischen den Armen des Kocher und warte. Zwei der kurzen Gedichte davon:

In der Welt viel Gedanken
um Gewinn und Verlust.
Der Dichter wischt Regen vom Platz,
setzt sich in den Duft
dieser Linde.

Auf dem Mäuerchen
setzt eine Taube auf, stolziert
über Lindenblüten.
Doch der Dichter hat nichts für sie
auf seinem nassen Tisch.

 


Mittwoch, 14. Juli 2021

Seit ein paar Tagen sollte das zweite Album der Tausend Lieder im Netz angekommen sein. Es heißt „Siehst du die Hörner?“ Hier sind das Titellied (mp3) sowie der Text.

Siehst du die Hörner? mp3

Hier geht es zur Seite des Albums mit Infos und allen Texten.

Siehst du die Hörner?

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.
Es war ein prächtiger Gott,
wenn er schrie, zitterten Berge.

Siehst du die Hörner?
In die Augenhöhlen lassen wir später
Juwelen ein.
Siehst du die Hörner?

Laster karren die heiligen Bäume
aus dem Hain in das Sägewerk.
Wir haben Äxte geschwungen,
haben getanzt und gelacht.
Unsere Motorsägen knattern noch immer,
dem Horizont zu. Eine Kuckucksuhr.
Holzspielzeug für die Kinder.
Masten für das Schiff,
das zur Sonne segeln soll,
wenn sie versinkt, um anzulanden
an ihr goldenes Schloss.
Wir werden es stürmen
und plündern.

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.
Es war ein prächtiger Gott,
wenn er schrie, zitterten Städte.
Doch diese Welt
gehört uns Menschen.

Siehst du die Hörner?
Wir haben den Schädel
auf einen Pfahl gesteckt.

 


Sonntag, 10. Juli 2021

Nach einem Online-Seminar für die Uni Trier (ich war vorher sehr skeptisch, ob sich Entspannung auch über Zoom vermitteln lässt) ein Abendspaziergang im Wald über Tübingen, durch Schatten und Licht.

In den Nachrichten so viele Regulierungsbemühungen in der ganzen Welt. Wie viel all diese Bemühungen am Ende bringen? Sie sind ein Zeichen von Ungleichgewicht. Ist ein tatsächliches oder behauptetes Ungleichgewicht vorhanden, wird dem in der menschlichen Welt nach einiger Zeit mit Regulierung begegnet. Im Wald fließt das. Alles verändert sich dort fortwährend. Der Wald hat keine Gesetze. Dennoch erscheint uns der Wald als ein Ort der Harmonie.

Gefällte Bäume am Weg,
transportbereit. Die Brennnesseln
frei.

 


Dienstag, 6. Juli 2021

Zwei Haiku, schwimmend gedichtet im Mondsee (Salzkammergut, Österreich):

Schwimmen im Mondsee –
ich berühre Wasserblumen
und Wolken.

Mondsee.
Ich schwimme einem Fisch nach,
dem Ufer zu.

Die Biene, die ich zappelnd aus dem See rettete – nach etwas Ruhen liegt sie tot nun im Gras. Als wir den See verlassen, schaue ich noch einmal an ihren Platz – und sie ist verschwunden.

 


Montag, 5. Juli 2021

Am Wolfgangsee, Salzkammergut (Österreich):

Spatzen.
Um Segelbootmasten
streicht Wind.

Touristen, suchen nach – was? Der See, seine Schönheit, die umgebenden Berge sind statisch. Menschen suchen nach Bewegungen, kleinen Reizen. Die Cafés sind da, die Möglichkeit einer Schifffahrt. Zwei Mädchen lassen sich auf Schlauchbooten von einem Motorboot in Schlangenlinien rasend schnell über den See ziehen. Sie sind schon zu weit weg, ich stelle mir ihre vergnügten Schreie nur vor. Als sie zurück sind, nehmen zwei andere ihren Platz ein. Die Berge am See sind schön. Wie lange kann ich das Grün ihrer Bäume betrachten? Es tut mir gut, wenn ich es tue. Dennoch treibt mich etwas in mir weiter.

Spatzen flattern über den Steinsplitt, verschwinden in den Wipfeln der Linden. Ein Springbrunnen im See ändert seine Form – der Wind weht seine Fontäne dünn bis übers Ufer – die schöne Schattenbank, auch von uns nur kurz belegt, wird schon wieder verlassen. Radfahrer, Autofahrer, Motorboote – Menschen sind unterwegs.

 


Sonntag, 4. Juli 2021

Elisabeth hat Sponsion (übersetzt hoffe ich etwa auf: ehrenvolle Verleihung) ihres Master of Science an der Fachhochschule Salzburg, also geht es nach Österreich. Unser Zug hoppelt über erhitzte Fluren.

Vom einen Land
in ein anderes – wir und die heiße Luft
im Zug.

 


Freitag, 2. Juli 2021

Ein Text vom heutigen Abend am Ziegelweiher im Schönbuch:

Am Waldsee sitz ich und sinne, während um mich so vieles geschieht.

Wie wenig ich davon als Handlung auffasse – die Bewegungen der Enten wohl … vielleicht auch noch die Töne der Vögel.

Denn Wind aber nicht, der ereignet sich einfach, wie auch die Bewegung von Blättern und Gräsern in ihm.

Und die Flugbahn dieser Libelle? Und das Schlendern der Schnecke über den Waldboden?

Es ist das Leben, das handelt. Manchmal.

Wie auch ich manchmal handle und manchmal einfach geschehe – wie im Kreisen meines Atems und meines Blutes, wie in den feinen Gleichgewichtsbewegungen der Muskulatur. Wie vielleicht auch in meinem dummen Ärger über den Fahrer eines Elektrodreirads, der plötzlich und kaum legal an das Wasser rollt.

Und vieles von dem, was geschieht, was sich ereignet, ist ganz oder nur sehr schwer sichtbar für Menschensinne. So auch das wichtigste Geschehen auf unserer Welt, das Branden des Lichts und die stille Verwandlung des Lichts in den Blättern und Gräser in Leben.

Auch ich bin ein Kind dieses anbrandenden Lichts. Auch ich bin ein Kind dieser Gräser und Blätter.

 

 

 

 

 

 


Fluten-Log: Aktuell, Archiv: 14, 13, 12, 11, 10, 09, 08, 07, 06, 0504, 03, 02, 01 (ab 07.06.2018)


 

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