Vigelandsanlegget

Volker Friebel

 

Alle Skulpturen in diesem Teil des Frogner-Parks (früher ein Gutshof), der Vigelandsanlegget (Vigeland-Anlage oder Vigeland-Park), stammen von Gustav Vigeland (1869-1943) und haben den Kreislauf des menschlichen Lebens zum Thema. In Bronze und Stein sind sie 1907 bis 1942 entstanden, die Hauptarbeitszeit an der Anlage erstreckte sich von 1940 ist 1949, aber erst 1993 wurde die Anlage offiziell eröffnet, sie ist frei zugänglich. Der Künstler gab seine Skulpturen der Stadt Oslo, sie finanzierte dafür seinen Lebensunterhalt.

Das Hauptportal aus Granit und Schmiedeeisen mit Toren aus Fabelwesen führt in ein mystisches Reich. Über die Brücke (mit 58 Bronzeskulpturen des Menschen in verschiedenen Entwicklungsstadien) geht es zum Brunnen, der ältesten Skulptur im Park. Sechs übermenschlich große Männer halten ein rundes Gefäß hoch, aus dem ringsum ein Wasservorhang in das Quadrat des Brunnens fällt und sie vor den Besuchern verbirgt. Am Rande des Brunnens befinden sich Skulpturen von Menschen, mit Bäumen verwoben.

Auf dem höchsten Punkt der Anlage steht der Monolith, eine 17 Meter hohe Granit-Säule mit 121 herausgearbeiteten Menschenleibern, ineinander verschlungen, auf ihrem Weg in den Himmel, eine Säule des Lebens, gehauen aus einem einzigen Block.

Dahinter eine letzte Skulptur, das Lebensrad. Vier verschlungene menschliche Leiber, zum Rad gebogen. Das ist die Unendlichkeit, ist der Tod. Und das Leben. Wie eines ins andere greift, die Generationen der Menschen, die sich erneuern, in jeder neuen Generation, in jedem Augenblick, der auf einen Augenblick folgt und einen weiteren nach sich zieht, eine Kette in die Unendlichkeit. In uns. Wir werden zu neuen Wesen werden, die fliegen, die graben, die sich im Urwald von Baum zu Baum schwingen. Sie werden sich nicht erinnern an uns.

Ist das eine Hymne an das Leben? An das Miteinander? An das Streben des Menschen, zusammen, irgendwie, irgendwohin? Die meisten Figuren sind nackt. So wie jede Kunst den Menschen hinter den Masken zu fassen versuchen? So wie das zornige Kind, die rennende Familie, die verschlungenen Paare?

Mein Schönheitsempfinden wird wenig berührt von dieser nordischen Kunst, aber die Größe darin spüre ich doch. Und dass gerade im Miteinander klobiger Figuren (wir Menschen, du, ich) etwas entstehen kann, das ganz anders ist, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint, etwas wie Geist, wie Gefühl, das zwischen uns wabert, das uns erhebt, das uns wie schwerelos schweben lässt.

Vigeland-Park.
Durch das schmiedeeiserne Tor
fliegt eine Biene.

 

Brunnen Vigeland-Park Oslo Norwegen.
Brunnen Vigeland-Park Oslo Norwegen
Lebenssäule Vigeland-Park Oslo Norwegen.
Lebenssäule Vigeland-Park Oslo Norwegen
Lebenssäule Vigeland-Park Oslo Norwegen.
Lebenssäule Vigeland-Park Oslo Norwegen
Lebensrad Vigeland-Park Oslo Norwegen.
Lebensrad Vigeland-Park Oslo Norwegen

Prosa, Haiku, Fotos: Volker Friebel