Volker Friebel

Gejagte und Jäger,
in Fels geritzt, schauen sich an,
Jahrtausende lang.
Und wenn wir sie betrachten, wie jetzt, in der norwegischen Provinz Finnmark, im Freilichtmuseum Alta, auf den Stegen, die durch das Gelände zu den verschiedenen Felsen führen, betrachten wir uns selbst.
Vom Boot die lange Schnur –
endet im Fisch.
Tränende Augen.
In Tränen:
Erinnerung einer Jagd auf
schwimmende Rentiere.
Aus Jungstein- und Bronzezeit stammen die Zeichnungen, 2.000 bis 6.500 Jahre sind sie alt, in Sandstein geritzt, geschabt, gepickt, die ältesten etwas gröber und einfacher, die jüngeren detaillierter und komplexer. Die rote Farbe ist nicht original, sondern neu aufgetragen, um die Darstellungen besser erkennen zu können. Vielleicht wurden sie auch schon von ihren Erstellern ausgemalt, doch davon sind keine Anzeichen erhalten.
Bearbeitet wurden wohl Felsen direkt am Meer. Seit der letzten Eiszeit hat sich mit dem schmelzenden Inlandseis das Land erhoben, nun liegen die Felsen einige Meter über dem Meeresspiegel, 26 Meter die mit den ältesten Zeichnungen, 8 Meter die mit den jüngsten. Und sie liegen nicht mehr am Wasser.
Eine Siedlung wurde hier nicht ausgegraben, vielleicht war es ein heiliger Ort. Da finden sich Wal, Lachs und Heilbutt, Elch, Rentier, Bär, Fuchs und Hase, Kormorane, Schwäne, Gänse, Enten – und Menschen, als Jäger, als Schamanen, vielleicht als Helden mythischer Reisen, als schwangere Frauen. Als Kinder.
Groß geworden sind sie – und stehen nun vor diesem durch alle Zeiten des Menschen, des Lebens, wehenden immer Selben, dem Unaufhörlichen, das den Zauber allmählich verloren hat (wenn es je einen hatte – aber das hatte es), verloren in den Fabriken, den Schlachthöfen, der Ausbeutung zwischen den Menschen, weil die Natur nicht mehr genug gab, stehen mit Tränen, aber stehen und neigen sich.
Aber wovor? Vor diesem Ren, diesem Kormoran? Vor den einfachen Verhältnissen zwischen den Menschen und dem Mensch und den Tieren, aus denen eine Freiheit spricht, die wir längst abgelegt haben, die lang schon vor dem letzten Bären starb?
Die Möglichkeiten dieser Kinder auf den Zeichnungen sind so viel weiter geworden, in ihren Nachfahren, vor den kläglichen Zeichnungen heute aber überwiegt der Verlust. Was aber ist das Echte, das Wahre, das Ursprüngliche? Ein Traum? Im Wind vom Meer stehen auch wir, nur ein paar Stromschnellen weiter hinunter die Zeit. Weil sie damals das, was den Menschen ausmacht, ganz ausleben konnten, wie die Wale und Kormorane ihres ausleben konnten, immer noch ausleben können – und wir nicht? Warum nicht? Sie sind in uns.



Texte und Fotos: Volker Friebel